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Foto: Purucker
Revierförster Friedrich Bertmann zeigt eine abgesperrte Fläche, wo der Landesbetrieb bereits mit der Aufforstung neuer Bäume begonnen hat.
NR-Land

Wie sieht der Wald der Zukunft aus? Aufforstung zwischen Ökologie und Wirtschaftlichkeit

Sonntag, 7. Februar 2021 von Franz Purucker

Wehmütig schaut Eberhard Schulte-Bories aus Büren auf die kahlen Flächen in seinem Wald, die er vor einigen Jahren auf seinen Sohn überschrieben hat. Zweieinhalb der insgesamt siebeneinhalb Hektar mussten im vergangenen Jahr gefällt werden, weil der Borkenkäfer die Fichten und selbst die Lärchen absterben ließ. Ein Schicksal, das viele Waldbesitzer in der ganzen Region und darüber hinaus ereilte.

Die Folge: Der Holzpreis rauschte in den Keller. Schulte-Bories hätte vor ein paar Jahren noch rund 30.000 bis 40.000 Euro Erlöse mit dem nun geernteten Holz erzielen können, nun bleibt nach Abzug der Erntekosten nur noch eine kleine vierstellige Summe übrig. 

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Roland Schockemöhle, Forstamtsleiter bei Wald und Holz NRW in der Region, rechnet vor, dass ein Kubikmeter Holz im Januar 2018 rund 95 Euro brachte, derzeit liegt der Preis bei etwa 32 Euro. 

Erst kam Orkan Kyrill, dann Friederike und dann der Borkenkäfer

Der Krise gingen zwei große Schadensereignisse voraus: „Im Januar 2017 kam Kyrill und ein Jahr später Friederike. Die geschwächten Bäume sind die ideale Voraussetzung für den Borkenkäfer, um sich zu vermehren.“ Rund 11.000 Hektar Fläche mit Fichten sind allein im Hochstift zerstört worden.

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Leidtragende sind die Waldbesitzer, also Kommunen, Stiftungen und Sondervermögen wie der Haus Büren’sche Fonds, aber auch private Waldbesitzer, denen 60 Prozent des Waldes in NRW gehören. Knapp 70 Kleinwaldbesitzer in der Region haben sich in der Forstbetriebsgemeinschaft Altbürener Land zusammengeschlossen. „Für viele unserer Mitglieder war der Wald das Notpolster für besondere Anschaffungen und schwere Zeiten“, so deren Vorsitzender Philipp Freiherr von Fürstenberg. 

Essenziell bedroht ist zum Glück niemand, da der Wald für die allermeisten ein Nebenerwerb ist. Der Bund hilft Waldbesitzern mit einer einmaligen Waldprämie von 100 bis 120 Euro je Hektar. Geld, das die meisten in die Wiederaufforstung ihrer Bestände investieren werden. Beim Aufforsten hilft das Land mit Investitionszuschüssen, stellt aber Bedingungen.

Wie sieht der Wald der Zukunft aus?

Das Land NRW fördert die Aufforstung mit 57 Millionen Euro an Fördermitteln für Privatwaldbesitzer. Konkret werden bestimmte Maßnahmen mit bis zu 80 Prozent bezuschusst. Aber: Gefördert werden nur Maßnahmen, die das Land als nachhaltig ansieht, zum Beispiel der Aufbau vom Mischwäldern. Wer erneut Fichtenreinbestände anlegt, erhält keine Förderung.

100 Jahre vergehen, bis Laubwald erste Erträge bringt

Auch Eberhard Schulte Bories wird leer ausgehen. Auf dem größten Teil seiner kahlen Flächen sollen in Zukunft Douglasien wachsen, eine aus Nordamerika stammende Nadelbaumart, die nur dann gefördert wird, wenn sie zu mindestens 65 Prozent mit Laubbäumen gemischt wird.

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Viele Waldbesitzer befinden sich in einem Dilemma, wie Philipp Freiherr von Fürstenberg von der Forstbetriebsgemeinschaft Altbürener Land erklärt: Nadelbäume sind bereits nach 60 bis 100 Jahren erntereif, während bei Eichen und Buchen mindestens 120 bis 180 Jahre vergehen, bis erste Erträge zu erwarten sind. 

Fichten waren lange Zeit das am stärksten gefragte Holz. Schon in jungen Jahren ließ sich das schwächere Holz etwa an die Papierindustrie, für die Spahnplattenproduktion oder für Zaunpfähle an die Industrie verkaufen. Zudem sind die Investitionen für Nadelbäume geringer als für Laubbäume.

Die Bauindustrie wird wohl auch in Zukunft auf Nadelholz angewiesen sein, was dann deutlich knapper sein wird. 

Regionalforstamtsleiter Roland Schockemöhle empfiehlt bei der Auswahl neuer Pflanzen vor allem „mischen, mischen, mischen“. Fünf bis sieben Arten sollten auf jeder Fläche stehen. Insbesondere Eiche, Buche und Lärche seien attraktiv. Insgesamt 500.000 Bäume aus 39 unterschiedlichen Strauch- und Baumarten wurden im Bereich des Regionalforstamts Hochstift im vergangenen Jahr gepflanzt. 

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Birken breiten sich aus, sind aber kaum gefragt Nicht gefördert wird die Anpflanzung von Fichten. „Ich kann es niemandem verbieten, wieder Fichten anzupflanzen, aber ich rate davon ab“, so Schockemöhle. Der Ringelsteiner Förster Friedrich Bertmann spricht von einer gefährlichen Wette auf die Zukunft. Die Baumart wächst gut in kühlen und feuchten Gebieten, etwa dem Harz in Mitteldeutschland oder den Alpen. „Wir können uns im Hochstift von der Fichte verabschieden.“

Von selbst breitet sich bereits vielerorts durch sogenannte „Naturverjüngung“, also ohne aktives Pflanzen durch den Förster, die Birke aus. Deren Holz wird, anders als etwa in Skandinavien, am Markt kaum nachgefragt, die Bäume sind auf den kahlen ehemaligen Fichten-Flächen aber äußerst wertvoll, da sie einen sogenannten Vorwald bilden und damit ideale Voraussetzungen für die Anpflanzung schattenliebender Baumarten schaffen, so Bertmann.

Bis alle kahlen Flächen wieder bepflanzt sind, werden aber noch einige Jahre vergehen, da die Kapazitäten der Förster, Baumschulen und privaten Forstbetriebe aktuell komplett ausgeschöpft sind. 

Öko-Lizenz als Einnahmequelle der Zukunft?

Denkbar wäre in der Zukunft auch, dass der gemeinnützige Wert des Waldes einen Preis erhält. Aktuell stehen der Freizeitwert für Wanderungen und die Ökofunktion beispielsweise als großer CO2-Speicher der Gemeinschaft kostenfrei zur Verfügung. Künftig wäre eine Ökosystem-Lizenzierung als dritte Säule denkbar, bei der die Gemeinschaft den Waldbesitzern einen gewissen Bonus zahlt, so Roland Schockemöhle.  

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Auch ein Windrad im Wald ist für viele durchaus eine Option und wirtschaftlich attraktiv.

Waldbesitzer müssen Holzverkauf nun selbst organisieren

Aktuell stehen die Waldbauern aber noch vor einer anderen Herausforderung. Seit etwa einem Jahr müssen sie den Verkauf ihres Holzes selbst organisieren. Bis 2019 wurde das Holz gebündelt durch den Landesbetrieb Wald und Holz NRW vermarktet, der durch die großen Mengen hohe Preise erreichen könne, argumentierte der Bundesgerichtshof gegen das Land Baden-Württemberg wegen ähnlicher Praktiken. Der Landesbetrieb NRW zog sich daraufhin aus diesem Bereich zurück.

Die Forstbetriebsgemeinschaft Altbürener Land mit ihren rund 800 Hektar Wald hat sich zur Vermarktung mit anderen Produktionsbetrieben zur Waldbauernholz Sauerland-Hellweg eG zusammengeschlossen. 

Außerdem muss nun auch die Beförsterung des Waldes ausgeschrieben werden, was zuletzt ebenfalls der Landesbetrieb Wald und Holz NRW gegen Entgelt übernommen hatte.

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