arrow_back
Foto: Pixabay
Die Corona-Krise sorgt in Familien schnell zu Konflikten, etwa über die Rollenverteilung. Wenn Kitas und Schule wegbrechen, müssen Aufgaben wie Home Schooling und Kinderbetreuung neu verteilt werden.
NR-Land

Werden Frauen zurück an den Herd gedrängt?

Samstag, 1. August 2020 von Franz Purucker

Marlies S. ist es fast ein bisschen peinlich. Die 43-Jährige stand vor der Corona-Pandemie, wie ihr Mann, im Job, die Kinder besuchten Kita und Schule. Doch die Corona-Krise wirbelte alles durcheinander.

Anzeige
Anzeige
Anzeige

Inzwischen hat sie ihren Job an den Nagel gehängt, weil es nicht mehr ging. Weil Schule und Kitas geschlossen waren, mussten die Kinder zu Hause betreut werden. „So viel Urlaub hat niemand“, ärgert sich die 43-Jährige. Die finanziellen Einbußen sind für die Familie tragbar.

Anzeige

Was sie viel mehr stört: „Die Krise hat mich meine Unabhängigkeit gekostet. Nun stehe ich wieder hinterm Herd.“ Sauer ist sie besonders auf die Politik, die zu allererst Schulen und Kitas geschlossen hat und damit die Frauen „wieder hinter den Herd gedrängt hat“, so ihre Ansicht.

Gerät die Emanzipation in Gefahr? Christiane Beel von der Paarberatung stimmt Marlies S. zu, dass die Krise vor allem Familie betroffen hat. 

Auch sie erlebte in der Beratungsstelle viele Frauen, die nun vor einer neuen Doppelbelastung stehen und neben Home Office noch Homeschooling und Kinderbetreuung übernehmen. Hinzu kommen vielerorts essenzielle Sorgen, weil Kurzarbeit oder gar Arbeitslosigkeit das Familieneinkommen bedrohen.

Viele fragen sich: Wer bin ich ohne Job?

Viele stellen sich dann die Frage: „Wer bin ich noch? Was bin ich wert, wenn ich die Familie nicht ernähren kann durch meinen Beruf? Warum reagiert der Partner so, wie er reagiert?“ Hier sei es wichtig, sich in die Lage des Partners zu versetzen, so Beel.

Die Krise könne helfen, dieses Verständnis aufzubringen: „Männer, die nun zu Hause waren und die Kinder betreuten, können sich jetzt besser in die Lage ihrer Frau versetzen.“ Eventuell ließen sich in der Folge die Rollen neu verteilen und die Belastung besser auf mehrere Schultern verteilen.

Für Familien, in denen die Eltern zu Hause waren, war der Lockdown sogar eine gewisse Zeit zum Durchatmen: „Wir erleben in den Beratungen auch Viele, die aus dem Hamsterrad herausgekommen sind und sich mehr Zeit für Kinder und Familie nehmen konnten.“

Besonders schwer trifft die Pandemie diejenigen, die schon vorher in einer Krise gesteckt haben. „Die Krise wirkt wie ein Verstärker“, so Beel.

Menschen mit Depressionen oder Zwangsstörungen zum Beispiel wurden nun zusätzlich isoliert und vermissen ihre sozialen Kontakte. Auch Einsamkeit sei ein großes Thema.

Große Herausforderungen für getrennte Eltern

Familien in Trennungssituationen oder Patchworkfamilien hatten eine höhere Herausforderung, den Umgang mit den Kindern zu managen. „Viele Familien sind da sehr gut miteinander umgegangen“, lobt Beel. Aber es gab auch Konflikte: „Versetzen Sie sich immer in die Lage der Kinder und stellen sie nicht Ihre eigenen Interessen ganz nach oben“, so der Tipp der Eheberaterin an streitende Paare.

Aber selbst unter Ehepaaren, die viele Jahren zusammen sind, kann die Krise zu Konflikten führen. Durch die Betreuung der Kinder fällt der Freizeitbereich weg – es entstehen Rangkämpfe und Rebellion, die häufig Ausgangspunkt für Streit sein können.

Christiane Beel. Foto: privat

Viele Menschen, die unter massiven Druck stehen, wünschen sich die Corona-Maßnahmen abzuschaffen, weil sie diese als Grund für die prekäre Lage sehen. „Hier darf die Politik nicht dem Druck der Unzufriedenen nachgeben, wenn eine zweite Welle droht“, Beel. 

Zurückblickend fällt der 63-Jähigen auf, dass die Probleme und Konflikte im Vergleich zu 1989, wo sie in den Beruf gestartet ist, komplexer geworden sind. „Die Belastungen für die Familien sind gestiegen.“ Außerdem spielen psychologische Erkrankungen eine immer größere Rolle. 

Beratungsstelle kann helfen

Hintergrund ist auch die Individualisierung der Gesellschaft. „Früher waren die Rollen relativ klar verteilt“, so die studierte Erziehungswissenschaftlerin. Heute ist es immer öfter gefragt, innerhalb der Familie zu verhandeln.

Sollte Streit immer wieder kommen und kein Weg herausführen, lohnt es sich Beratungsstellen, wie die Katholische Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen, bei der Christiane Beel, beschäftigt ist, aufzusuchen (Infos weiter unten). Die Beratung ist kostenlos und steht Menschen aus allen Regionen, aller Konfessionen und aller Geschlechter offen.

Für Marlies S. ist dies vorerst keine Option. „Ich bin frustriert, aber ich nehme die Sache erst einmal so hin. Für meine Karriere ist Corona aber wie ein Reset im Leben.“ 

Sie wünscht sich, dass die Politik nun rasch Hilfe für Familien schafft. „Wer stellt nach dieser Krise noch Frauen mit Kindern ein?“. Ihre Hoffnung, wieder in den Beruf zurückzukehren, hat sie noch nicht aufgegeben, will aber zunächst abwarten, wie sich die Wirtschaft und das Leben nach Corona entwickeln.

Kontakt & Info

Katholische Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen

• Büren: Hühnerberg 2,  Telefon: 0 29 51 – 93 38 822

• Paderborn: Giersmauer 21, Telefon: 0 52 51 – 26 0 71

E-Mail: eheberatung-paderborn@erzbistum-paderborn.de

www.paderborn.efl-beratung.de


AGB Impressum Datenschutz Kontakt
close
In die Zwischenablage Instagram Whatsapp E-Mail