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Foto: Shutterstock (Symbolfoto)
Am andere Ende melden sich Menschen wie Daniel, die anonym zuhören und helfen wollen.
Thema der Woche

Wer nimmt ab, wenn man die Telefonseelsorge anruft?

Samstag, 24. Juli 2021 von Franz Purucker


Daniel ist über persönliche Kontakte im famililären Umfeld zur Telefonseelsorge gekommen.
Wer bei der Telefonseelsorge arbeiten möchte, bewirbt sich zunächst beim zuständigen Träger und durchläuft dann ein ganztätiges Auswahlverfahren.

Danach folgt eine eineinhalbjährige Ausbildung mit wöchentlichen Treffen. Nach zwei-monatiger Hospitation führt man die ersten Gespräche allein.

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Damals wurden noch bundesweit Anrufe nach Paderborn durchgeführt, vom stark sächselnden Leipziger bis hin zum Bayrischen gab es auch sprachlich viele Hürden.

Kirchen betreiben Dienst gemeinsam

Heute landen überwiegend Gespräche aus den Kreisen Paderborn, Soest und Höxter am Paderborner Sorgentelefon. Ist die Leitung belegt, wird das Gespräch nach Siegen, Meschede oder Hamm umgeleitet – entsprechend kommen auch von dort Gespräche in Paderborn an.

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Ob die Anrufer dabei die Telefonseelsorge der katholischen Kirche unter 0800 111 0 111 oder der evangelischen Kirche unter 0800 111 0 222 anrufen, spielt keine Rolle, da beide Kirchen das Angebot in Paderborn gemeinsam betreiben.
Der Gemeindeverband der katholischen Kirchengemeinden Hochstift Paderborn übernimmt 70 Prozent der Kosten und der evangelische Kirchenkreis Paderborn 30 Prozent. Für die Telefonkosten kommt die Telekom auf. Die Nummer ist auch vom Handy kostenfrei.

Als Daniel vor 15 Jahren seine ersten Telefonate entgegennahm, lag der Themenschwerpunkt überwiegend bei Problemen in Familie und Partnerschaft, worum es heute in etwa der Hälfte der Gespräche noch immer geht. Weitere Themen sind Probleme unter Nachbarn, Erziehungsfragen, Lebensentscheidungen wie die Berufswahl, Ausbildung, Probleme am Arbeitsplatz und Mobbing.

Gespräche aus den Kreisen Paderborn, Höxter und große Teile des Kreises Soest werden nach Paderborn durchgestellt. Ist hier besetzt, gehen die Gespräche ins Hochsauerland.

Es dominieren aber inzwischen psychische Situationen und Angstzustände, die 60 Prozent aller Anrufe ausmachen. 46 Prozent der Anrufer leiden unter psychischen Erkrankungen. Durch die Corona-Pandemie hat sich die Zahl der Anrufe weiter erhöht: Viele Hilfesuchende wollen über Ängste vor der Erkrankung und der Impfung sprechen.

70 Prozent der Anrufer sind einsam

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Auch einige psychisch Erkrankte wählen die Nummer der Telefonseelsorge, wenn sie ihren Therapeuten nicht erreichen.
Daniel übernimmt oft Spätschichten und hat dort immer wieder mit Anrufern zu tun, die sich große Sorgen machen und deshalb nicht zur Ruhe kommen.

Einsamkeit spielt bei jedem vierten Anruf eine Rolle. Rund 70 Prozent der Anrufer erleben nur in den Gesprächen mit der Telefonseelsorge, dass sie für einen anderen Menschen existent sind, heißt es im Jahresbericht.
Manche Themen gehen auch den Ehrenamtlichen wie Daniel an die Substanz: In Erinnerung geblieben ist ihm ein Anrufer, der detailgenau erklärte, wie er sich das Leben nehmen würde. Solche Fälle werden später mit Supervisoren besprochen, mit denen es regelmäßige Austausch- und Weiterbildungstreffen gibt.

Weniger Scherzanrufe als vor 15 Jahren

Erreichbar ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr. Gearbeitet wird in Paderborn in vier Tag-Schichten und einer achtstündigen Nachtschicht.

In den vergangenen 15 Jahren bemerkt Daniel auch eine positive Entwicklung: „Die Scherzanrufe haben deutlich abgenommen.“ Früher wurde in der Nachmittagsschicht manchmal acht bis zehn Mal zum Spaß angerufen – der überwiegende Teil von Jugendlichen.

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Absolute Anonymität als Vor- und Nachteil

„Scherzanrufe sind ziemlich demotivierend“, sagt Dieter. Sie machen aktuell etwa 15 Prozent aller Anrufe aus. In 81 Prozent der Fälle findet ein Beratungs- und Seelsorgegespräch statt, nur in drei Prozent der Fälle wird sofort aufgelegt.
Die Anonymität hat auch Nachteile: Mehr als die Empfehlung auszusprechen, sich an einen Arzt oder die Psychiatrie zu wenden, ist für die Ehrenamtlichen der Telefonseelsorge nicht möglich. Im Notfall können sie einen Krankenwagen alarmieren, wenn der Anrufer seinen Wohnort preisgibt.

Soweit kommt es aber oft nicht: „Die Seelsorge reicht mir!“, beendet eine Anruferin ihr Gespräch mit Daniel und fügt hinzu: „Ein Mensch, der zuhört. Ein Mensch, der mich versteht.“

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