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Foto: Foto: Lear21/Wikipedia (CC BY-SA 3.0)
9. November 1989: Bürger von BRD und DDR fallen sich freudestrahlend in die Arme. Die Mauer war durchlässig geworden und ermöglichte DDR-Bürgern nun freies Reisen. Schon bald kamen die ersten von ihnen auch im NR-Land an.
Thema der Woche

NR-Leser berichten: So erlebten wir den Mauerfall vor 30 Jahren

Samstag, 2. November 2019 von Franz Purucker

Die Nachricht vom Mauerfall verbreitet sich wie ein Lauffeuer in Ost und West. NR-Redakteurin Heike Tebbe aus Geseke stillte gerade ihre neugeborene Tochter, als sie in den Nachrichten die Bilder sah: „Ich war vollkommen überwältigt, hatte Gänsehaut und konnte es einfach nicht glauben.“


Auch Ulrike Witthau konnte es kaum fassen, als ihr Mann sie gegen 22 Uhr weckte und ganz aufgeregt sagte: „Die Mauer ist weg.“ Sie fragte schlaftrunken: „Welche Mauer, wer ist da denn gegen gefahren?“

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„Da erleben wir Geschichte live und die Lehrer pennen.“


„Ich bin dann mit ihm vor den Fernseher. Wir haben die ganze Nacht geschaut, uns gefreut mit Tränen in den Augen“, erinnert sich die Bürenerin. Die junge Frau lebt damals noch in der Nähe von Aschaffenburg in Bayern. Was sie ärgerte: Bei ihren acht und neun Jahre alten Kindern wurde das Thema im Schulunterricht nicht thematisiert. „Da erleben wir deutsche Geschichte live und die Lehrer pennen.“ Obwohl sie keine Verwandtschaft im Osten hatte, ist sie bis heute froh, dass es so gekommen ist.


NR-Redakteurin Marion Heier war zum Zeitpunkt des Mauerfalls gerade als Kindermädchen in den USA als sie im Fernsehen die Bilder aus Deutschland sah: „Ich habe angefangen zu flennen, weil ich mich so darüber so gefreut hatte, dass dieses schreckliche Ding, das einen Teil der Deutschen eingesperrt hatte, weg war.“

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Günther Schabowski erklärt am 9. November 1989, dass die Mauer nun sofort geöffnet ist. Damit war der eiserne Vorhang beendet.


Ihre Schwester, die damals in Goslar (Niedersachsen) nahe der Grenze wohnte, fuhr zwei Tage später über Wernigerode in den Osten und erzählte von Trabbi-Kolonnen Richtung Westdeutschland. Am Telefon schilderte sie ihren Eindruck vom Osten: „Überall Kopfsteinpflaster und Lehmstraßen, alles grau und veraltet. Es roch schlimm nach Abgase“.


Karina Schürer erlebte den Mauerfall auf der anderen Seite der Republik. Sie wohnte in Dresden und war Jugendtouristin, durfte also das „sozialistische Ausland“ bereisen. Auf der Rückreise aus Polen begegneten ihr am Dresdner Hauptbahnhof viel Polizei und Unruhe.


Als sie dann erfuhr, dass die Grenze offen war, gab es für sie nur einen Gedanken: „Raus hier, bevor die die Mauer wieder hochziehen.“ Schon einige Tage später packte sie gemeinsam mit ihrer Freundin die Koffer und setzte sich in einen Zug Richtung BRD. Im Zug erzählte ein älterer Mann den beiden Horrorgeschichten: Sie müssten dort in überfüllten Turnhallen schlafen und würden weder Essen noch Trinken bekommen.

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Eine Dokumentation zum Mauerfall auf dem Videoportal Youtube.


So schlimm kam es aber nicht: In der Erstaufnahmestelle in Regen (Bayern), wurde sie gefragt, wo sie gerne hin möchte. Da die Freundin Bekanntschaft in Köln hatte, entschieden sie sich für diese Region.
Mit dem Zug ging es anschließend nach Geseke. Mitten in der Nacht erreichten sie das Auffanglager in Eringerfeld, in dem sich heute eine Schule befindet. In Zehn-Bett-Zimmern und sanitären Anlagen auf dem Gang, war die Unterkunft aber kein Luxushotel. Zwei Wochen langen suchten die beiden intensiv in Zeitungen einen Job und kamen dann beim Automobilzulieferer Hella in Lippstadt unter, wo sie eine Werkswohnung beziehen konnten. Mit einem zinslosen Startkredit über 3.000 DM, ließ sich die erste Wohnung notdürftig einrichten. Heute lebt die 50-Jährige in Störmede und arbeitet bei Obst Wiegmann in Lippstadt.

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Auch Regina Hohmann stammt aus Dresden, machte sich aber schon ein Jahr vor dem Mauerfall – im Oktober 1989 – auf den Weg Richtung BRD. Ihre Eltern hatten einen Ausreiseantrag gestellt, worauf die Familie gesellschaftlich ausgegrenzt wurde. Keine Jugendweihe, kein Ernst-Thälmann-Pionier, keine Teilnahme an Festen und regelmäßiges Mobbing in der Schule.


Die Erlaubnis zur Ausreise – vermutlich wurden sie von der BRD freigekauft – war für die damals 16-Jährige ein freudiger Ereignis, auch wenn sie das Land innerhalb von 24 Stunden verlassen musste und sich kaum von Freunden und Bekannten verabschieden konnte.
Bei der Ankunft im Westen staunt sie: „Ich erinnere mich noch an ein leuchtendes Lampengeschäft und die vielen Leichten und Läden mit Obst wie Melone und Kiwi, die es bei uns im Osten nur ganz selten gab“, so die heute 46-Jährige. Die Integration in BRD war trotzdem nicht einfach: Mit ihrem sächsischen Dialekt fiel sie auf.


Zum Zeitpunkt des Mauerfalls lebt die junge Frau in einem Kinderheim. „Ich habe mich sehr gefreut.“ Heute betreibt sie ein Kunstatelier in Salzkotten.

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Eine ZDF-Dokumentation zum Ende der Mauer.


Heike Tebbe erinnert sich an die ersten Ossis, die ein wenig anders tickten: „Sie erschienen viel unkomplizierter und unkonventioneller und in vieler Hinsicht freier als wir. Aber auch: von fast kindlichem Optimismus und manchmal naiven Vorstellungen über den Kapitalismus.“
Das berichtet auch Karina Schürer: „Wir waren sehr naiv und gutgläubig.“ Eine Freundin, die sie bei Hella kennengelernt hatte, hat sie vor so mancher Dummheit der „Kapitalistischen Welt“ bewahrt, erinnert sie sich.

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