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Foto: Franz Purucker
Fotograf Rainer Pollmeier - genannt Herr Sommer - macht ein Passbild für eine Kundin.
Thema der Woche

Warum müssen immer mehr Fotogeschäfte schließen

Samstag, 9. Oktober 2021 von Franz Purucker

Hauptgrund für die Schließung des Fotogeschäfts in Geseke ist ein massiver Einbruch bei den Passbildern. Die Stadt Geseke hat seit Sommer des vergangenen Jahres einen Passbildautomaten bei einer Berliner Firma angemietet, der im Bürgeramt steht und für die Bürger günstiger ist als der Fotograf: 8 Euro kostet das Foto – welches jedoch ausschließlich digital übermittelt wird. Es wird kein Bild gedruckt.  

Das Angebot wird scheinbar gut genutzt. Pollmeier hatte zunächst Personal entlassen müssen und sich nun zur Schließung entschieden. 

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Ab 2025 müssen alle Fotos digital sein

Gesekes Bürgermeister Remco van der Velden verteidigt die Anschaffung: „Mit dem neuen Selbstbedienungsterminal setzen wir vor Ort technische Dinge um, die künftig bei der Beantragung eines Ausweises Pflicht werden.“ Ab 1. Mai 2025 müssen die Bilder digital übermittelt werden. 

Konkurrent für den heimischen Fotohandel wollte die Stadt damit nicht werden. „Auch dort können schließlich digitale Passfotos angefertigt und an das Bürgerbüro übermittelt werden“, so der Verwaltungschef.

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Inzwischen weist die Stadt im Bürgeramt auf Foto Sommer hin, doch der günstigere Preis am Automaten ist für viele Bürger wichtiger.

„Passbilder sind das Fundament des Geschäftes“, sagt auch die Bürener Fotografin Conny Kriener. Auch sie kann aktuell noch keine Fotos digital an das Bürgeramt übermitteln. Dazu ist neue Technik notwendig. In Paderborn haben sich dafür mehrere Fotografen zusammengeschlossen, um dies zu ermöglichen.

Die Bürener Fotografin Conny Kriener in ihrem Studio in der Innenstadt. Die meisten Fotografen verzichten heute auf eigene Räumlichkeiten. Foto: Franz Purucker

Das Fotostudio von Conny Kriener befindet sich unweit der Stadtverwaltung, wo es noch keinen Fotoautomaten gibt. Die Passbilder erfüllen einen wichtigen Zweck: Sie bringen Kunden in den Laden, die wiederum auch nach anderen Produkten fragen, etwa Familienporträts und Shootings. Schnappschüsse können heute leicht mit dem Handy in guter Qualität gemacht werden, muss auch Kriener zugeben: „Früher konnten sie damit maximal ein kleines 10 x 15 Bild machen. Heute sind die Objektive so gut, dass sie selbst 30 x 40 Poster damit schießen und drucken können.“

Ein Geschäft, das sich die Drogeriekette dm versucht zu eigen zu machen. Die Filialen wurden zu Fotolaboren umgerüstet, die neben dem klassischen Fotodruck auch Magnete bedrucken oder kleinere bedruckte Geschenke anbieten. Auch dm bietet zudem Passbilder an.

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Trotzdem sieht Saskia Rohde in Salzkotten für die Zukunft nicht schwarz: „Wir bearbeiten die Bilder am PC nach, leuchten das Bild ideal aus. Das kann die Konkurrenz nicht“, so die 26-Jährige: Auch sie bietet Fotodrucke und Geschenkartikel mit eigenen Bildern an, aber mit digitaler Nachbearbeitung am PC.

Immer mehr Fotografen ohne Studio

Für Conny Kriener ist der Fotograf weiter ein Handwerksberuf: „Während andere ihre Fotos am PC versuchen durch Retusche zu retten, habe ich vorher schon ein Motiv im Kopf, dass ich umsetze.“ 

Ob der Beruf in zehn Jahren noch „Fotograf“ heißt, ist Kriener unsicher. In der Ausbildung lernen Fotografen, Blende und Schärfe einzustellen. Das übernimmt heute an vielen Geräten die Technik vollautomatisch. Ob das Bild gut wird, entscheidet aber der kreative Kopf dahinter, so Kriener.

Auch wenn die Fotogeschäfte weniger werden, der Fotograf stirbt nicht aus. Laut Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld (HWK) ist die Zahl der Fotografen im Kreis Paderborn sogar gestiegen von 18 im Jahr 2002 auf 53 im Jahr 2011. Zum 31. Juni dieses Jahres sind es sogar 165 gewesen. „Seit der Handwerksnovelle 2004 entfällt die Verpflichtung, vor der Betriebsgründung einen Meistertitel zu erwerben. Das erklärt den hohen Anstieg der Betriebszahlen“, so Ulrike Wittenbrink, Referentin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der HWK auf NR-Anfrage. Fotografen müssen verpflichtend Mitglied der Handwerkskammer werden, ähnlich wie es für Gewerbetreibende die Industrie- und Handelskammer ist. Ausgenommen sind Kunstfotografen und Journalisten.

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Auch Saskia Rohde ist keine gelernte Fotografin, sondern Mediengestalterin, wobei Fotografie Teil ihrer Ausbildung war.

Viele Hochzeits- und Eventfotografen verzichten heute auf Studio und Ladengeschäft wie Maline Schmidt aus Salzkotten, die zwar hauptberuflich bei Foto Sommer arbeitet, im Nebenerwerb aber Hochzeiten fotografiert. Auch viele Studenten lassen sich dafür am Wochenende buchen. Maßgeblich dazu beigetragen hat auch, dass die Fototechnik seit Jahren deutlich preisgünstiger geworden ist.

Macht Schluss: Rainer Pollmeier vor seinem Fotostudio in der Geseker Innenstadt. Zum 31. Oktober schließt das Geschäft für immer. Foto: Franz Purucker

Auch Dunkelkammern zur Bildentwicklung braucht dank Digitaltechnik keiner mehr. Aber: „Der Trend geht wieder stärker zu gedruckten Fotos – gerade bei Hochzeiten“, sagt Conny Kriener, die vor den Teilzeit-Fotografen keine Angst hat: „Ich biete Qualität und das setzt sich durch.“

Die Salzkottenerin Saskia Rohde hat mit der Hilfe bei alten Kameras und dem Überspielen von VHS-Videokassetten eine Nische entdeckt.

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Rainer Pollmeier zieht sich nach 50 Jahren in der Fotobranche  zurück. Bis Monatsende wird der Restbestand des Ladens in der Bachstraße mit hohen Rabatten abverkauft. Passfotos macht er bis zum Schluss. (F. Purucker)

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