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Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F032884-0026 / Fotograf: Lothar Schaack
Türkische Gastarbeiter am 9. November 1970 in Bonn.
Thema der Woche

Vor 60 Jahren: Türkische Gastarbeiter erreichen die Region

Dienstag, 2. November 2021 von Franz Purucker

Die ersten Gastarbeiter im Paderborner Raum waren Italiener, die im Rahmen des schon 1955 abgeschlossenen Anwerbeabkommens in die Region kamen und überwiegend in der Landwirtschaft tätig waren. „Sie waren immer nur für die Erntesaison angestellt“, erinnert sich Peter Schebalski, Referatsleiter bei der Caritas in Paderborn.

Erst später nutzte die Industrie diese Fachkräfte. Die erste Beratungsstelle in Paderborn entstand 1956 für Italiener, 1963 folgte ein Angebot in Lippstadt für Spanier, die vor allem beim Automobilzulieferer Hella eingesetzt wurden.
Im Kreis Paderborn machten Italiener bis 1975 ein Drittel der ausländischen Migranten aus. Viele von denen verließen die Region dann jedoch wieder. Ab 1976 machten Türken den größten Teil der Migranten aus – 1985 beispielsweise mit 4.156 der 12.049 Migranten rund ein Drittel aller Ausländer im Kreis Paderborn.

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Die meisten waren in ihren Communtys

Schebalskis Aufgabe war es, bei der Caritas die katholischen Arbeitskräfte zu integrieren. Die türkischen Migranten wurden von der Arbeiterwohlfahrt betreut – die Herausforderungen waren jedoch ähnlich. „Unser Ziel war die Partizipation in der Gesellschaft. Die meisten waren nur unter sich in ihren Communitys.“ Deutschkurse gab es anfangs nur vereinzelt und waren in vielen Unternehmen auch keine Voraussetzung. Die Gastarbeiter sollten schließlich ursprünglich nur auf Zeit in Deutschland bleiben. Erst in den 80er-Jahren wurden verstärkt Sprachkurse angeboten.
Heutige Einwanderer müssen ein Sprachniveau B1 schon im Heimatland nachweisen.

Damals Leiter des Referates Ausländerbetreuung beim Caritas-Verband Paderborn: Peter Schebalski. Foto: Franz Purucker

Die Sozialkräfte der Caritas hatten alle Hände voll zu tun: Die Sprachbarrieren sorgten unter anderem bei der Behandlung von Krankheiten für Probleme. Geklagt wurde zudem über die ungewohnte deutsche Küche und die Unterkünfte. „Manche haben echt in Baracken gehaust“, berichtet auch der ehemalige Caritas-Referatsleiter.
Im Caritas-Bericht ist aber auch von „Männerwirtschaft“ und „Klagen über Unsauberkeit“ die Rede.

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Um zu helfen, Freizeitangebote zu machen und im Alltag zu unterstützen, stellte die Caritas Mitarbeiter aus den jeweiligen Ländern ein. „Die meisten davon waren keine Sozialarbeiter. Wir haben dann selbst Fortbildungen angeboten und diese weitergebildet“, erinnert sich der Paderborner: „Wir haben keine Fachkräfte eingestellt, sondern Leute, die sich in ihrer Community einen Namen gemacht hatten.“

Während zur Flüchtlingskrise 2015 und 2016 die kirchlichen Pfarrbüros und Ehrenamtliche bei der Integration und Versorgung halfen, schulterte dies im Rahmen des Anwerbeabkommen die Wohlfahrtsorganisationen allein. „Die Menschen waren isoliert. Es gab kaum Interesse an Integration – wohl auch, weil deren Aufenthalt nicht auf Dauer ausgelegt war.“

Schulung italienischer Gastarbeiter, die im Bergbau eingesetzt werden sollen. Die Deutschkurse umfassten in der Regel nur das Nötigste. Für einen dauerhaften Verbleib in Deutschland war das Anwerbeabkommen nicht ausgelegt. Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F013070-0005 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0

Rasch durften Gastarbeiter wie auch Hussein Keskin ihre Familien nachholen, was bei einigen schon nach Abschluss der Ausbildung der Fall war, erinnert sich Peter Schebalski: „Viele Koreaner und Philippinas gingen in die Krankenhäuser. Nach drei Jahren Ausbildung und zwei Praxisjahren hatten sie eine unbegrenzte Arbeitserlaubnis und konnten ihre Familien nachholen.“

Während in der Industrie Arbeiter ihre Ehefrauen nachholten, gelangten beim medizinischen Personal vor allem die Ehemänner von Gastarbeiterinnen nach Deutschland, die hier auch Familien gründeten.

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Migranten haben es schwerer in der Schule

Die Kinder der Einwanderer hatten und haben es jedoch schwer in den Schulen, wie Murat Yazgi aus eigener Erfahrung berichten kann: „In Deutsch hatte ich eigentlich immer eine Vier.“ Viele Schüler schaffen es wegen der Probleme mit der Sprache nicht auf das Gymnasium.


Ein weiterer Punkt ist entscheidend: das Elternhaus. Die ersten Einwanderergenerationen bestanden fast ausschließlich aus ungelernten Hilfskräften, konnten ihre Kinder auf dem Weg zum Abitur also kaum unterstützen.
Aus dieser Bewegung entsteht in den 90er-Jahren ein Nachhilfeverein für türkischstämmige Schüler in Paderborn, aus dem 2009 eine private Ersatzschule – das Schulzentrum Eringerfeld – hervorgeht, bei dem Murat Yazgi heute Geschäftsführer ist.

Träger ist der Verein Regenbogen Bildungswerkstatt e. V., den bildungsorientierte Menschen mit türkischem Migrationshintergrund gegründet haben. Die Schule orientiert sich am staatlichen Schulsystem, bietet aber unter anderem Türkisch als zweite Fremdsprache an und hat sich auf Integration spezialisiert. „Wir wollen, dass auch Schüler ohne Akademikereltern ihr Abitur schaffen“, so Murat Yazgi weiter.

Heute – zwölf Jahre nach der Gründung – ist der Anteil türkischer Migranten zurückgegangenen. Hintergründe sind einerseits eine Verkleinerung des Internates und andererseits innenpolitische Konflikte in der Türkei, sodass einige türkische Eltern aus Angst vor Repressionen bei der Einreise in die Türkei sich von der Schule abwendeten.
Stattdessen besuchen mehr Kinder ohne Migrationshintergrund und viele Flüchtlingskinder die Schule. „Unser Konzept ist das gleiche: Wir wollen allen Schüler unabhängig von ihrer Herkunft die Chance auf Bildungserfolg geben“, erklärt Yazgi.

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Murat Yazgi ist Geschäftsführer der Schulen in Eringergeld (Hintergrund). Montage mit Fotos: Schulen Eringerfeld (Vordergrund); Emyaz 46 / Wikipedia (CC BY-SA 4.0)

Ein Konzept, dass zu funktionieren scheint: 94 Prozent der Schüler schaffen das Abitur, 75 Prozent der Realschüler schließen die Mittlere Reife mit einem Q-Vermerkt ab, welcher die Möglichkeit gibt, im Anschluss auf einem Gymnasium das Abitur nachzuholen. Beide Werte liegen über dem NRW-Durchschnitt.

Mit der Ölkrise 1973 endet das deutsche Anwerbeabkommen mit allen Staaten. Von den 600.000 Türken in Deutschland, entscheiden sich die meisten dafür, zu bleiben. Der Beginn einer nachhaltigen türkischen Einwanderung. Bis heute ist der größte Teil der ausländischen Bevölkerung in den Kreisen Paderborn und Soest türkisch.
Die meisten Migranten anderer Staaten verließen Deutschland wieder. „Beim letzten Italienurlaub habe ich jemanden getroffen, der mir in ganz schlechtem Deutsch stolz von seinen Jahren als Gastarbeiter bei uns erzählt hat“, berichtet Schebalski. Das Besondere: Diese Menschen fühlen sich noch immer mit Deutschland verbunden. „Am Haus wehte eine Deutschlandfahne“, berichtet der Caritas-Referatsleiter im Ruhestand.

Auch Hussein Keskin sieht sich als halb türkisch und halb Deutsch. „Es ist wie auf einer Brücke zwischen beiden.“
Etwas anders formuliert es Murat Yazgi: „Meine Hardware ist türkisch, meine Software ist deutsch.“

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