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Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F032884-0026 / Fotograf: Lothar Schaack
Türkische Gastarbeiter am 9. November 1970 in Bonn.
Thema der Woche

Vor 60 Jahren: Türkische Gastarbeiter erreichen die Region

Dienstag, 2. November 2021 von Franz Purucker

Auf nur zwei Seiten Papier regelt das Auswärtige Amt am 30. Oktober 1961 mit der türkischen Botschaft in Deutschland die Einwanderung ausländischer Arbeitskräfte. Bereits in den Jahren zuvor wurden ähnliche Abkommen mit Italien, Spanien und Griechenland geschlossen.

Die Neue Regionale sprach mit Hussein Keskin, der 1971 nach Deutschland kam und heute in Salzkotten lebt, Peter Schebalski, damaliger Referatsleiter „Ausländer“ bei der Caritas Paderborn, und Murat Yazgi, Geschäftsführer einer aus der Einwanderer-Bewegung entstandenen Schule in Geseke.

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Fünf Mal musste Hüseyin Keskin von seinem Heimatort Zonguldak die 330 Kilometer zur deutschen Botschaft nach Istanbul reisen, bis der damals 22-Jährige im Januar 1971 sich endlich auf den Weg nach Deutschland machen darf. Nicht jeder erhielt einen der ersehnten Jahresverträge: „Wer schiefe Zähne, körperlich gebrechlich oder mehr als drei Kinder hatte, wurde sofort aussortiert“, erinnert sich Keskin, der gerade seinen Wehrdienst in der Türkei beendet hatte.

Lohn in Deutschland: 28 Mark pro Tag

Seine Heimatregion am Schwarzen Meer ist von Armut geprägt – Deutschland versprach 28 Mark Tageslohn. „Jeder sprach von Gastarbeitern, die mit viel Geld aus Deutschland nach Hause kamen“, so Keskin. Gerüchte, die sich nicht ganz als wahr herausstellten.

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Angekommen in Deutschland arbeitete er zunächst in einem Bergwerk in Saarbrücken, wenig später als Sozialarbeiter und dann in verschiedenen Monteur- und Gelegenheitsjobs, bis ihn eine Leiharbeitsfirma für 9 Mark Stundenlohn zur Deutschen Industriebau nach Salzkotten schickt.

Hussein Keskin (r.) kam im Alter von 22 Jahren nach Deutschland, ist heute 79 und wohnt in Salzkotten. Sein Sohn Ilker Keskin wurde in Deutschland geboren und spricht beide Sprachen fließend. Foto: Franz Purucker

„Eigentlich war der Plan – drei Jahre arbeiten, dann zurück und Haus und Auto kaufen und Laden in der Türkei eröffnen.“

Den für türkische Verhältnisse hohen Einkünften standen jedoch auch hohe Lebenshaltungskosten gegenüber. 1973 holt Keskin seine Frau und die drei Kinder nach Deutschland und das, obwohl er wenige Tage vorher kündigte, weil die Firma die von ihm geforderte Lohnerhöhung nicht zahlen wollte. „Wir haben gedacht, Arbeit gibt es immer“, so Keskin.

Die nächsten Jahre waren hart: Eine Leihfirma schickte ihn nach München, Hamburg und Aachen. Frau und Kinder, die kein Wort Deutsch verstanden, sahen den Familienvater nur am Wochenende. Letztlich fand Keskin Arbeit beim Maschinenbauunternehmen Claas Industrietechnik in Paderborn und blieb dort 37 Jahre lang bis zur Rente.

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Als die Bundesrepublik 1984 allen Gastarbeitern Geld bietet, wenn sie wieder ausreisen, ist das für ihn längst keine Option mehr: „Meine Kinder gingen in Salzkotten zur Schule, meine Frau hatte Arbeit in Verne gefunden.“
Der 73-Jährige lebt heute für vier Monate in der Türkei und acht Monate in Salzkotten, wo er mit seinem Sohn ein Haus gebaut hat. Daneben wohnen inzwischen ebenfalls seine Kinder, sieben Enkel und zwei Urenkel. Sie alle sprechen fließend Deutsch und Türkisch. Keskin selbst versteht Deutsch, aber perfekt ist die Sprache nicht mehr.

Warum viele Gastarbeiter der ersten Generation nur wenig Deutsch sprachen und deren Kinder in den Schulen oft benachteiligt waren, was dagegen unternommen wurde, wie viele Gastarbeiter damals aus welchen Ländern in der Region waren und vor welchen Herausforderungen die Caritas Paderborn damals stand, lesen Sie im Thema der Woche auf der nächsten Seite.

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