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Anja Podtschaske berät in der Paderborner Beratungsstelle von ProFamilia eine Schwangere zum Thema Abtreibung.
Foto: Franz Purucker
Anja Podtschaske berät in der Paderborner Beratungsstelle von ProFamilia eine Schwangere zum Thema Abtreibung.
Thema der Woche

Vor 50 Jahren: 374 Frauen sprechen über Abtreibung. Was hat sich geändert?

Samstag, 5. Juni 2021 von Franz Purucker

Dem Bundesverband Lebensrecht gehen die Grenzen von Schwangerschaftsabbrüchen in Deutschland zu weit. Er organisiert dagegen sogenannte „Märsche des Lebens“.

Rückdeckung erhält die Organisation von der katholischen Kirche: Der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker erklärte den Demonstranten in Berlin: „Ihr Weg ist ein unmissverständliches Signal für die Achtung der unverfügbaren und unveräußerlichen Würde des Menschen in allen Phasen seines Lebens.“
Sechs Beratungsstellen, darunter drei kirchlich.

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Unter den Verbänden, die rund um das Thema Schwangerschaftsabbruch in der Region beraten, zählen auch der Deutsche Caritasverband und der Sozialdienst katholischer Frauen, die auf Druck des Papstes jedoch keine Beratungsbescheinigungen ausstellen dürfen, die für den medizinischen Eingriff aber nötig ist.
Deshalb hat sich 1999 mit Donum Vitae (übersetzt Geschenk des Lebens) ein Verein ausgegründet, der sich zwar nach eigenen Angaben „für den Schutz des Lebens ungeborener Kinder“ einsetzt, jedoch entsprechende Beratungsscheine ausstellt. Beratungsstellen gibt es unter anderem in Büren, Lippstadt und Paderborn.

Weitere mögliche Anlaufstellen sind das Paderborner Gesundheitsamt (im Kreishaus Paderborn) und das Freie Beratungszentrum (FBZ).

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Bei der Internetrecherche stößt Anna noch vor den Beratungsstellen auf die Websites der Lebensschützer, die Schwangeren wie abtreiben vor allem eines sagen wollen: „Du tötest dein Kind!“ Häufig untermalt mit teilweise brutalen Fotos und Videos.

Der Verband macht teilweise auch Druck auf Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen und das sind schon jetzt sehr wenige.

So führen die Krankenhäuser in Paderborn und Lippstadt wegen ihrer kirchlichen Trägerschaft solche Eingriffe nicht durch. Die Betreibergesellschaft des Salzkottener Krankenhauses schreibt dazu: „In der St. Vincenz-Krankenhaus GmbH werden keine Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt. Da die erste Beratung bei den niedergelassenen Fachärzten stattfindet, kommen Patientinnen mit dieser Fragestellung nicht in unsere Häuser“, so Prof. Dr. Michael Patrick Lux, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe in Salzkotten.


Demo von Christen gegen Abtreibung am 21.11.1990 in Berlin
Hunderte Christen gehen in Berlin zum Buß- und Bettag am 21. November 1990 auf die Straße um für „den Schutz des ungeborenen Lebens“ zu demonstrieren. An der Haltung der beiden Kirchen hat sich bis heute nichts geändert. Kirchliche Beratungsstellen dürfen deshalb keine Beratungsbescheinigungen ausstellen und Krankenhäuser christlicher Träger keine Abtreibungen durchführen. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1990-1121-008 / Link, Hubert / CC-BY-SA 3.0

Kaum Ärzte, die Abbrüche durchführen

Auch der Geseker Gynäkologe, Erwin Göckeler-Leopold, Vorsitzender im Berufsverband der Frauenärzte, sagt: „Viele Frauenärzte machen dies aus ethischen Gründen nicht. Aber auch versicherungsrechtliche und organisatorische Gründe verhindern dies.“ Bei der Aspiration wird der Fruchtsack mit dem Embryo sowie die Schleimhaut der Gebärmutter abgesaugt. Dies ist die häufigste Methode in Deutschland. „Man muss einen Operationsraum vorhalten, der teuer ist und speziellen Vorschriften unterliegt“, so der Frauenarzt.

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Eine Alternative ist ein medikamentöser Abbruch, der jedoch nur in einem frühen Stadium möglich ist. Dabei wird Progesteron verabreicht, was zur Öffnung des Muttermundes führt. Zwei Tage später wird Prostaglandin gegeben, was die Gebärmutter zusammenzieht und die Gebärmutterschleimhaut mitsamt dem Fruchtsack und dem Embryo ausstößt.
Etwa eine bis fünf Patientinnen pro Monat suchen den Geseker Frauenarzt mit dem Wunsch auf, die Schwangerschaft zu beenden. „Der Abbruch darf nicht durch den Gynäkologen durchgeführt werden, der auch die Schwangerschaft festgestellt hat“, erklärt der Frauenarzt und stellt klar: „Meine Kollegen und ich stehen Frauen unabhängig von unserer eigenen Weltanschauung beratend zur Seite und vermitteln an Kollegen, die solche Eingriffe anbieten.“

Kasse bezahlt Eingriff nicht, aber das Land

Im NR-Land bietet kein Gynäkologe einen solchen Eingriff an. Frauen müssen entweder in eine gynäkologische Tagesklinik nach Paderborn (Name und Adresse bei den Beratungsstellen) oder zu Dr. Sokratis Pashalidis nach Lippstadt fahren. Die Bundesärztekammer hat dazu eine Liste erstellt, die hier einsehbar ist. Das nächste Krankenhaus für solche Angriffe ist das städtische Krankenhaus in Bielefeld.

Für Anja Podtschaske von Pro Familia eine weitere Hürde: „Ich hatte schon Frauen hier sitzen, die ihre Nachbarin gebeten haben, sie zum Schwangerschaftsabbruch zu fahren, die danach den Kontakt abgebrochen habt.“
Weiteres Problem für Frauen wie Anna: Abtreibungen werden nicht von der Krankenkasse übernommen und kosten zwischen 360 und 460 Euro. Frauen mit geringem Einkommen können bei einer Krankenkasse (muss nicht die eigene sein) eine Kostenübernahme durch das Land beantragen.

Ausflugstipp: LiebesMuseum in Soest

Der Verein LiebesLeben-Museum e.V. betreibt am Lütgen Grandweg 9a in Soest ein Museum zu Liebe, Sexualität, Gesundheitsfürsorge, Verhütung, Schwangerschaft und Geburt. Dabei wird auch das Thema Schwangerschaftsabbruch thematisiert. Infos im Internet unter: www.liebesleben-museum.de
Das Museum ist Mittwochs 15-18 Uhr und Freitags 15-18 Uhr geöffnet. Anmeldung per Mail: info@liebesleben-museum.de

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