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Anja Podtschaske berät in der Paderborner Beratungsstelle von ProFamilia eine Schwangere zum Thema Abtreibung.
Foto: Franz Purucker
Anja Podtschaske berät in der Paderborner Beratungsstelle von ProFamilia eine Schwangere zum Thema Abtreibung.
Thema der Woche

Vor 50 Jahren: 374 Frauen sprechen über Abtreibung. Was hat sich geändert?

Samstag, 5. Juni 2021 von Franz Purucker

Es war der Skandal-Titel der 70er-Jahre im Stern. Vor 50 Jahren, am 6. Juni 1971, bekennen 374 deutsche Frauen in der Zeitschrift zur Abtreibung. Der Titel: „Wir haben abgetrieben.“ Sie alle sprachen sich gegen Paragrafen 218 des Strafgesetzbuches aus, der Abtreibung in Deutschland unter Strafe stellt. 50 Jahre später ist die Rechtslage kaum anders. Abtreibung erfüllt weiterhin einen Straftatbestand. Zudem haben es Frauen schwer, überhaupt Gehör zu finden.

Anna ist zwischen 30 und 40, steht gerade am Anfang ihrer Karriere und ist schwanger. Sie entscheidet sich gegen das Kind und treibt ab. Sie steht in diesem Artikel stellvertretend für 20.823 Frauen, die sich im vergangenen Jahr in NRW für eine Abtreibung entschieden haben.

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Grundsätzlich ist Schwangerschaftsabbruch in Deutschland nach Paragraf 218 des Strafgesetzbuches – wie zum Zeitpunkt der Stern-Geschichte vor 50 Jahren – eine Straftat, die mit bis zu drei Jahren Gefängnis und Geldstrafen geahndet wird.

„Warum wird Frauen diese Entscheidung nicht zugetraut?“

Straffrei bleibt eine Abtreibung entweder aus kriminologischen Gründen – also nach einer Vergewaltigung oder einer vergleichbaren Sexualstraftat – und nach sogenannter medizinischer Indikation. Dies ist immer dann der Fall, wenn mit der Schwangerschaft eine Gefahr für das Leben der Schwangeren besteht.

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Für alle anderen Fälle gilt in Deutschland die sogenannte Fristenlösung, die ebenfalls straffrei bleibt. Demnach dürfen Frauen bis zur 14. Woche nach der letzten Regelblutung abtreiben, wenn sie vorher an einer sogenannten Schwangerschaftskonfliktberatung teilgenommen haben.

Pro Familia ist eine von sechs Beratungsstellen im Kreis Paderborn, die eine solche Beratung anbieten (mehr auf Seite 4). „Wir besprechen emotionale, seelische, partnerschaftliche und lebensplanerische Aspekte der Schwangerschaft“, erklärt Familienberaterin Anja Podtschaske, die dieser Beratungspflicht kritisch gegenübersteht: „Warum wird Frauen diese Entscheidung nicht allein zugetraut?“, fragt die Sozialpädagogin, die auch Hebamme ist.

Den Satz, den die 54-Jährige in Beratungsgesprächen zum Schwangerschaftsabbruch am häufigsten hört, ist: „Jetzt passt es aber gerade gar nicht.“

Dabei will die Sozialpädagogin aber mit einigen Klischees aufräumen: So sind kaum Teenie-Mütter unter ihren Klientinnen. Der größte Teil ist zwischen 30 und 40 Jahren alt und steht am Anfang der Karriere.
Typische Beispiele sind angehende Lehrerinnen im Referendariat, Auszubildende am Ende ihrer Ausbildung oder Erzieherinnen kurz vor der Entfristung ihres Vertrages. In einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2016 gab jede fünfte ungewollt schwangere Frau berufliche oder finanzielle Gründe für den Abbruch an. Bei Schwangerschaften während der Ausbildung oder im Studium wurde demnach jede zweite Schwangerschaft abgebrochen.

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In einigen Fällen ist aber auch die Vaterschaft ungeklärt oder es gibt Konflikte in der Beziehung, so Podtschaske. Die Gründe für den Abbruch werden zwar statistisch erhoben, aber im Detail nicht veröffentlicht. Ebenfalls überraschend: In vielen Fällen wollen die Männer das Kind und sitzen weinend in der Pro Familie Beratungsstelle in Paderborn.

An welche Beratungsstellen sich Schwangere zum Thema Abtreibung in der Region wenden können, wie viele Ärzte diese Eingriffe im NR-Land anbieten und warum sich die Ablehnung der Kirche gegenüber Schwangerschaftsabbrüchen stark auf die Ärzte und das Beratungsangebot auswirken, lesen Sie in unserem Thema der Woche auf der nächsten Seite.

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