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Foto: Franz Purucker
Mögliche Kita-Alternative: Die Kindertagespflege der Tagesmütter Annette Hagel(links) und Elke Hammerschmidt in Büren-brenken, mit den Kindern Mia (2), Anni (2), Matthis (2) und Leo (2).
Thema der Woche

Viele Eltern weiter ohne Kita-Platz

Samstag, 14. März 2020 von Franz Purucker

Julia H. bekam vor einigen Tagen den Anruf vom Jugendamt aus Soest. Für ihre ein und acht Jahre alten Kinder gibt es keinen Kita-Platz in Geseke. Noch wohnt das Pärchen in einer Großstadt, plant aber eigentlich den Umzug nach Geseke. „Das wird wohl so schnell nichts“, so Julia H., die aus Angst vor Nachteilen bei der Platzvergabe von der Redaktion anonymisiert wurde.

Über die Vergabe der Plätze entscheidet nämlich grundsätzlich jede Kita selbst. Auch im Kreis Paderborn (ohne Stadt Paderborn) stehen 295 Kinder auf der „Warteliste“, besonders in Delbrück, Büren und Salzkotten, davon der größte Teil Kinder unter drei Jahren.

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Wobei die Zahlen nicht heißen, dass die Eltern keinen Platz haben können: „Viele Eltern haben keinen Platz in ihrem Dorf oder der Wunsch-Kita bekommen, hätten aber durchaus im Nachbarort einen Platz haben können“, erklärt Christiane Hagen vom Kreisjugendamt Paderborn.

In Geseke ist die Lage noch zugespitzter: Der Kita-Bedarfsplan sieht aktuell 685 Plätze vor, allerdings haben 906 Kinder ab Sommer Bedarf an einem Betreuungsplatz. Einige Plätze sollen wohl noch kurzfristig geschaffen werden, einige könnten durch die Kindertagespflege abgefedert werden.
Seit 2003 besteht ein Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem ersten Lebensjahr. Auch Julia H. steht theoretisch der Klageweg offen.
„Sie sollten gegen den Ablehnungsbescheid der Kommune auf jeden Fall Widerspruch einlegen“, erklärt Rechtsanwalt Dr. Felix N. Winkler, spezialisiert auf Kita-Platz-Klagen.

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Auf Kita-Klagen spezialisiert: Rechtsanwalt Dr. Felix N. Winkler aus Köln.Foto: PR

Seine Erfahrung: In allen Fällen wurde den Eltern danach ein Kita-Platz angeboten. Aber: Die Kommune muss den Platz nicht in der Wunsch-Kita anbieten. „In Großstädten werden bis zu fünf Kilometer Fahrweg als zumutbar angenommen, im ländlichen Raum könnte das mehr sein.“
Der Jurist warnt davor, sich vom Jugendamt bequatschen zu lassen: „Oft wird den Eltern nahegelegt ein Jahr zu warten und dann einen Platz zu bekommen. An dem Rechtsanspruch ändert sich aber nichts.“

Kann die Kommune keinen Platz zur Verfügung stellen, könnten Eltern Verdienstausfall geltend machen oder selbst eine Betreuung organisieren und sich die Mehrkosten erstatten lassen.

Um möglichst vielen Kindern einen Kita-Platz zu ermöglichen wird in den Einrichtungen enger zusammen gerutscht. Dabei steigt der Anteil der Kinder, die die volle Betreuungszeit also 45 Stunden – buchen von 54 Prozent im Vorjahr auf nun 61 Prozent. 80 Prozent der Kinder werden außerdem über die Mittagszeit hinaus betreut.

Bad Wünnenberg

589 Kita-Plätze stehen im Stadtgebiet zur Verfügung. Provisorische Gruppen werden in Fürstenberg/ Elisenhof, Leiberg und in der Kernstadt eingerichtet. Doch das reicht nicht: 19 Kinder stehen auf der Warteliste, haben also keinen Platz bekommen, darunter 15 unter drei Jahren.
Die Stadt investiert. Bis 1. Januar 2021 soll ein Anbau am Kindergarten „Zwergentreff“ in Bleiwäsche fertiggestellt sein.
Die Stadt muss ihre Aktivitäten noch weiter erhöhen. Die Geburtenzahlen haben sich nochmals erhöht. Zudem werden in das neue Baugebiet „Auf der Iserkuhle“ weitere junge Familien hinziehen, die einen Kindergartenplatz benötigen.

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Auffällig: In Bad Wünnenberg werden mit 47 Prozent fast die Hälfte aller Unter-Dreijährigen in Kitas betreut. Viele Kinder gehen hier bereits mit einem Jahr in die Kita – nämlich 46 Prozent aller Kinder, so viel wie in keiner anderen Stadt des Kreises. Vermutlich spielen hier die Arbeitsplätze im medizinischen Bereich eine große Rolle. Außerdem gibt es nur wenig Betreuungsmöglichkeiten in der Kindertagespflege. Lediglich 14 Kinder unter drei Jahren werden dieses Angebot ab Sommer nutzen.

Büren

Die Lage hier ist angespannt: 45 Kinder stehen auf der Warteliste – haben also keinen Kita-Platz, darunter 42 unter drei Jahren. In den Kitas 2,5 wurden provisorische Gruppen eingerichtet. In Ahden und Siddinghausen hingegen sind sogar noch Plätze frei. Insgesamt gibt es für das im Sommer beginnende Kita-Jahr 814 Plätze.

„Viele Eltern wollen, dass ihr Kind im Ort in die Kita geht und mit seinen Freunden eingeschult wird“, erklärt Annette Hagel aus Büren, warum viele Eltern lieber warten, anstatt ihren Rechtsanspruch in anderen Orten wahrzunehmen.

Auffällig: Nur 20 Prozent aller Einjährigen Kinder besuchen in Büren eine Kita. Der Grund könnte sein, dass viele Kitas in Büren Kinder erst mit zwei Jahren aufnehmen. Außerdem werden 37 Kinder unter drei Jahren in der Kindertagespflege betreut.

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Kindertagespflege

Die Kindertagespflege ist eine vollwertige Alternative zur Kita. Annette Hagel hat mit zwei Kollegen in Büren-Brenken eine Großtagespflege gegründet und betreut dort neun Kinder. Dazu hat sie einen Teil ihres Hauses kindgerecht umgebaut. Eine weitere Großtagespflege gibt es in Delbrück-Westenholz.

Für Kinder unter drei Jahren kann die Kommune den Rechtsanspruch durch einen Platz bei einer Tagesmutter erfüllen. Bei Kindern über drei Jahren, muss ein Kita-Platz bereitgestellt werden.

Im Kreis Paderborn gibt es aktuell 165 Tagespflegepersonen. Der Kreis plant weitere Tagesmütter- bzw. -väter auszubilden. Den Kurs zahlt komplett der Kreis, wenn sich die Person danach verpflichtet für den Kreis zu arbeiten.
Die Vergütung ist bescheiden und liegt im Kreis Paderborn je nach Qualifikation zwischen 2,50 und 5,50 Euro pro Kind und Stunde. Teilweise wird ein Mietzuschuss gewährt. Außerdem können freie Verträge mit Eltern geschlossen werden.

Für die Eltern hat die Kindertagespflege sogar einen Vorteil: Neben der Buchung von 25, 35 und 45 Betreuungsstunden können Eltern dort auch nur 15 Stunden buchen. Die Gebühren sind die gleichen wie in den Kitas.

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Delbrück

In Delbrück wird mit 1.413 Kita-Plätzen geplant, 79 Kinder werden leer ausgehen, darunter 69 unter drei Jahren. 41 Kinder besuchen die Kindertagespflege.
Um neue Plätze zu schaffen, wurden drei provisorische Gruppen in der Kernstadt geschaffen, sowie eine in Hagen.
Seit 2008 sind in Delbrück mit der Kita PariAktiv Lerchennest, Haus voller Leben Westenholz und der Kita des KreisSportBundes in der Kernstadt drei neue Einrichtungen dazugekommen.

Geseke

Die Stadt investiert fünf Millionen Euro in neue Kita-Plätze unter anderem am Rabenfittich soll eine Einrichtung mit vier Gruppen für rund 75 Kinder entstehen. Das Problem: Frühester Fertigstellungstermin ist der 1. August 2021.

Neue Plätze sind bitter nötig: Jedes vierte Kind kann aktuell nicht versorgt werden. Für die 906 Kinder, die das Jugendamt als Bedarf errechnet hat, gibt es aktuell lediglich 685 Betreuungsplätze. 180 weitere Plätze sollen durch An- oder Neubauten geschaffen werden.
Die Kita Strolchhausen erhält eine provisorische Zusatzgruppe. Auch im evangelischen Familienzentrum Senfkorn, im katholischen Kindergarten St. Barabara in Langeneicke und in Ehringhausen sollen neue Plätze geschaffen werden.

Besonders hoch ist der Bedarf in Störmede, wo eine zwei-gruppige Kindertageseinrichtung als Dependance zum städtischen Kindergarten errichtet werden soll. Statistische Zahlen zur Kindertagespflege macht der Kreis Soest nicht. Eltern können aber auch auf Angebote im Kreis Paderborn zurückgreifen.

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Salzkotten

Im Stadtgebiet sind 38 Kinder auf der Warteliste geblieben, darunter 32 unter drei Jahren.
Die Kindertageseinrichtung Pusteblume wird eine Überbelegung von 15 Kindern haben. Eine kleine Gruppe mit Über-Dreijährigen soll im Heimathaus Mantinghausen betreut werden. Für Scharmede ist ein zusätzlicher Bedarf von drei Gruppen festgestellt worden. Die Ausbauplanung sieht eine Erweiterung der Kindertageseinrichtung in Mantinghausen, um eine Gruppe vor, sowie die weitere Errichtung von drei zusätzlichen Gruppen in Scharmede vor.

Nach Bad Wünnenberg werden in Salzkotten die zweitmeisten Kinder bereits mit einem Jahr in der Kita betreut – nämlich 39 Prozent. Anders als in Bad Wünnenberg ist aber die Zahl der Kindertagespflege trotzdem hoch: 79 Kinder unter drei Jahren werden dort ab Sommer betreut.

Insgesamt werden ab dem neuen Kita-Jahr 1.155 Kita-Betreuungsplätze im Stadtgebiet zur Verfügung stehen.

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