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Foto: Tierschutzverein Lippstadt
Tierpflegerin Saskia Kutzner kümmert sich im Tierheim Lippstadt um herrenlose Katzen und andere Tiere.
NR-Land

Tierheime schlagen Alarm: Alle Plätze sind belegt

Samstag, 20. August 2022 von Marco Schreiber

Das Tierheim in Lippstadt ist am Limit. Obwohl sich die Lage zum Ferienende nach der alljährlichen Sommerwelle an ausgesetzten Haustieren allmählich entspannt und die Vermittlung auf Hochtouren läuft, sind noch immer alle Plätze belegt, sagt Tierpflegerin Saskia Kutzner. 

Eine Kollegin schrubbt in einem der sieben Quarantänezimmer die Boxen aus grauem Kunststoff, eine andere schlüpft in Stulpenhandschuhe aus braunem Leder. Einer verwilderten Katze muss ein Medikament verabreicht werden, die im Raum Lippstadt eingefangen und ins Tierheim gebracht wurde. Die Katzen, viele verängstigt, unterernährt und krank, belegen momentan sogar die Quarantänezimmer der Hunde. 

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Betreiber ist ein Verein

Insgesamt stehen sieben Räume für Tiere mit ansteckenden Krankheiten zur Verfügung, sagt Kutzner. „Viele sind ungeimpft und anfällig für Katzenschnupfen und Katzenseuche.“ Bevor sie vermittelt oder wieder ausgesetzt werden, müssen sie geimpft und sterilisiert werden. 

Betrieben wird das Tierheim vom örtlichen Tierschutzverein. Er übernimmt Fundtiere aus Lippstadt, Geseke und anderen Gemeinden im Kreis Soest. Den neun vom Verein fest angestellten Mitarbeitern stehen ungleich mehr Ehrenamtliche zur Seite. Sie backen Kuchen für die offenen Sonntage, kuscheln mit Katzen, führen Hunde aus oder kontrollieren die Haushalte, in die ein Tier vermittelt wurde. 

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Im Tierheim machen das Füttern der Tiere und das Säubern der Anlagen nur einen kleinen Teil der Aufgaben aus. Berge von Handtüchern und Decken müssen gewaschen werden, die den Hunden und Katzen als Unterlage auf die Steinfußböden gelegt werden. Fahrten zum Tierarzt oder zum Einkaufen kommen ebenso hinzu wie die Öffentlichkeitsarbeit.

Büren zahlt Pauschale 

Dabei ist das Tierheim kein Dienstleister für Menschen, denen ihr Haustier vor dem anstehenden Urlaub doch nicht mehr so wichtig ist. Kutzner: „Wir betreiben hier Tierschutz.“

Die Kosten dafür gehen in die Tausende. Die Erstattungen der Kommunen für Fundtiere decken davon nur einen Teil. Den Rest bringt der Verein aus Spenden auf.

Trotz der Zugehörigkeit zum Kreis Paderborn arbeitet auch die Stadt Büren mit dem Tierschutzverein Lippstadt zusammen. Dabei wird nicht für jedes Fundtier, sondern eine Pauschale pro Einwohner gezahlt, teilt Pressesprecherin Kerstin Salerno auf Anfrage mit. 

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Seit 2021 steigen die Kosten pro Einwohner um fünf Prozent pro Jahr. Salerno: „Der aktuelle Vertrag hat eine Laufzeit von fünf Jahren.“

Für das Jahr 2021 hat die Stadt Büren nach Angaben von Pressesprecherin Kerstin Salerno etwa 23.000€ an das Tierheim überwiesen. Auf Platz eins der gefundenen und dem Tierheim anvertrauten Tiere liegen Katzen, gefolgt von Hunden und Kaninchen.

Im kommenden Jahr läuft der Vertrag zwischen der Stadt Büren und dem Tierschutzverein Lippstadt aus. Dann muss neu verhandelt werden.

Tiere in Not blickt mit Sorgen in die Zukunft

Auch der Paderborner Tierschutzverein Tiere in Not geht von neuen Verträgen mit höheren Vergütungen aus, um die Aufgaben weiter bewältigen zu können. „Theoretisch müssen die  Umlagen steigen“, sagt Karin Keuter, Leiterin des Tierheims Paderborn. „Dann muss neu verhandelt werden.“ Immerhin nehmen die Vereine den Kommunen die gesetzlich vorgeschriebene Aufgabe ab, sich um die herrenlosen Tiere zu kümmern. 

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Die Stadt Salzkotten überweist dafür nach eigenen Angaben jährlich etwa 20.000 Euro an das Tierheim Paderborn, um die Rechnungen für die Fundtiere aus dem Stadtgebiet zu begleichen. Fast immer handele es sich dabei um Katzen, sagt Thomas Peitzmeier, Leiter des städtischen Ordnungsamtes. „Hunde werden nur noch selten ans Tierheim gegeben“, so Peitzmeier. „Fast alle Tiere sind gechipt, so dass der Eigentümer ausfindig gemacht werden kann.“ Wenn doch noch Hunde aus Salzkotten im Tierheim landen, handele es sich zumeist um beschlagnahmte Tiere.

Chippflicht gilt für Hunde und Katzen

Die Pflicht, sein Haustier mit einem Chip zu markieren, der digital ausgelesen werden kann, gilt im Kreis Paderborn zwar auch für Katzen. Trotzdem werden immer wieder verwilderte Tiere gefunden. 

Je Katze rechnet man in der Stadt Salzkotten mit Tierheimkosten von etwa 500 Euro. Ein Hund ist schon allein wegen der höheren Kosten für das Tierfutter etwa 100 Euro teurer. Abgerechnet wird am Jahresende, so dass dieser Posten im Haushalt nicht auf den letzten Euro planbar ist.

Als Fundtier, für das die Stadt finanziell aufkommen muss, gelte jedes Tier, „das legal gehalten werden darf und weglaufen kann“, erklärt Peitzmeier. Exoten seien nur selten darunter. Wahrscheinlicher als der Fund einer Schildkröte ist ein verletzter Greifvogel. Solche Wildtiere werden jedoch nicht ins Tierheim gebracht. „Dafür haben wir andere Ansprechpartner“, sagt Peitzmeier.

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Kommunen erstatten die Kosten für 28 Tage

Fundtiere aus dem Stadtgebiet von Bad Wünnenberg werden ebenfalls dem Tierheim Paderborn übergeben, sagt Pressesprecherin Norina Wieners. „Die Stadt zahlt dem Tierschutzverein eine Erstattung pro Tier“, so Wieners. Für eine Katze werden täglich 12 Euro, für einen Hund 15 Euro erstattet. Hinzu kommt eine Tierarztpauschale von jeweils 130 Euro. Kleintiere werden mit fünf Euro und einer Tierarztpauschale von 7,50 Euro abgerechnet. „Die Tierarztpauschale enthält die Gesundheitsuntersuchung, die Entwurmung und die Impfung des Tieres“, sagt Wieners.

Wie in Salzkotten gilt für die Erstattung eine Höchstgrenze von 28 Tagen. Die jetzigen Pauschalen gelten noch bis Ende September. Wieners: „Die bisherigen Preise werden aufgrund der steigenden Kosten zum 1. Oktober angepasst.“

Tierschutzbund warnt vor hartem Herbst

Im Paderborner Tierheim sorgt man sich nicht nur wegen der steigenden Preise beim Tierarzt und für Heizung oder Tierfutter. Leitern Karin Keuter befürchtet, dass sich wegen der unsicheren wirtschaftlichen Lage weniger Menschen ein Haustier anschaffen werden. Dann müssen die Tiere länger betreut werden und blockieren die Plätze für neue Fundtiere. Auch deren Zahl könnte bald zunehmen, wenn immer mehr Haustierhalter kaum noch für ihre Tiere sorgen können. „Das wird noch richtig heftig“, sagt Keuter. „Da wird noch viel auf uns zukommen.“ 

Ob die Kosten noch angemessen sind, daran hat der Deutsche Tierschutzbund schon im Juli Zweifel angemeldet. Angesichts der seit dahin bereits gestiegenen Preisen hat der Appell an die Entscheidungsträge nichts ans Aktualität eingebüßt. „Die Tierarztkosten werden explodieren, die Energiekosten durch die Decke gehen“, sagt Thomas Schröder, Präsident der Dachorganisation von Tierschutzvereinen und Tierheimen in Deutschland. Dem praktische Tierschutz drohe „der härteste jemals erlebte Herbst und Winter“, so Schröder. Die Spendenbereitschaft der Bürger sinke angesichts der wirtschaftlichen Lage bereits jetzt spürbar.  

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Außerdem stünden die Zahlungen der Kommunen „oft in keiner Relation zu den tatsächlichen Kosten für die Fundtierbetreuung“. Schröder fordert, die Erstattung um mindestens 40 Prozent zu erhöhen und weitere Investitionshilfen zu leisten. Die meisten Tierheime seien Altbauten, für energetische Vorsorge, sprich für Wärmedämmung oder eine Modernisierung der Heizung, „war nie Geld da“.

Geseke zahlt Pauschale

Für Fundtiere überweist die Stadt dem Tierschutzverein Lippstadt eine jährliche Pausche, deren Höhe sich auch der Einwohnerzahl richte, so Pressesprecher Pascal Rückert. Im Haushaltsplan sind für die Jahre 2021 und 2022 jeweils 23.000 Euro eingeplant. 2019 wurden 18.049, 75 Euro gezahlt.

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