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Foto: Pixabay (Symbolfoto)
Wenn das Spielen immer exzessiver wird und der Zocker immer höhere Summen einsetzt, ist dies als Alarmsignal für eine mögliche Spielsucht zu werten.
Thema der Woche

Schärfere Regeln für Spielhallen: So profitieren die Kommunen vom Zocken

Sonntag, 4. Juli 2021 von Franz Purucker

Wer Spielhallen oder Wettbüros in NRW eröffnen will, benötigt eine Konzession der Kommune. Bei der Zulassung achten die Städte darauf, dass sich im Umkreis von 350 Metern weder Schulen noch Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe befinden. Auch zwischen den Hallen müssen mindestens 350 Meter liegen.
Jede Konzession umfasst maximal zwölf Spielgeräte. „Wir haben aber auch Hallen mit 24 Geräten“, erklärt Roby Mayler. Dahinter stecken sogenannte Mehrfachkonzessionen.

Pro zwölf Quadratmeter Ladenfläche ist höchstens ein Automat erlaubt, was in Geseke dazu führt, dass im „10 Stars Casino“ nur acht Geräte betrieben werden. Gastrobetriebe dürfen bis zu zwei Spielgeräte aufstellen
Was Betreiber wie Roby Mayler ärgert ist, dass bei den Beschränkungen zweierlei Maß gemessen wird. Spielbanken, die neben Automaten auch Roulettetische und Black Jack betreiben, unterliegen weniger strengen Regeln, dürfen beispielsweise Alkohol ausschenken oder höhere Gewinne vergeben.

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In NRW gibt es vier Spielbanken, die nächste in Hohensyburg bei Dortmund und in Bad Oeynhausen, die von der Firma Westspiel betrieben werden, einer 100 prozentigen Tochter des Landes NRW. Das Unternehmen macht seit Jahren Verluste. Für 2018 wird ein Minus von 1,2 Millionen Euro vermeldet.

Für das Land lohnt sich das Glücksspiel trotzdem: 2019 flossen 65,8 Millionen an Spielbankabgaben an das Land.
Bei den Spielhallen, Wettbüros und Automaten in Gaststätten kassieren jedoch die Kommunen und nicht das Land über die sogenannte Vergnügungssteuer, die zum Beispiel auch auf Tanzveranstaltungen erhoben wird.

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Beim Glücksspiel kommt ein bestimmter Prozentanteil (siehe Tabelle) des Einsatzes dem Steuersäckel der Kommune zu Gute. Büren und Bad Wünnenberg erheben die Vergnügungssteuer pauschal je Gerät. Die Umsatzsteuer wird auf die Einsätze abzüglich Spielgewinn erhoben.

Aussicht auf hohe Gewinne triggert

Der Spielverlust pro Stunde ist auf 60 Euro beschränkt, der Gewinn auf 400 Euro. Die Spielhallenbetreiber schütten in der Regel etwa 75 Prozent des Einsatzes wieder aus. „Genau das triggert auch viele Spieler, die hoffen jeden Moment große Gewinne zu machen“, so die Suchtberaterin Engelkamp.

Betreiber Mayler versichert, dass genau dies auch möglich ist. „Wir hatten erst gestern einen 4.500 Euro Gewinn.“ Aber: Langfristig gewinnt aber immer der Betreiber.

Therapiert wird Spielsucht entweder stationär oder wie hier in Selbsthilfegruppen und Einzelterminen. Foto: Shutterstock

Die Städte rechnen insgesamt damit, dass die Zahl der Glücksspiele abnimmt, was auch die Steuerschätzung aller drei Kommunen zeigen (siehe Tabelle): „Aufgrund rechtlicher Vorgaben des Glücksspielstaatsvertrages waren einzelne Spielhallen zu schließen bzw. die Anzahl von Glückspielgeräten in Gaststätten zu reduzieren“, erklärt Johanna Breithaupt, Sprecherin der Stadt Salzkotten, deren pessimistische Steuerschätzung, die schon vor Corona so ausfiel.

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Aktuell verhandeln die Städte vielerorts mit den Anbietern, das Angebot weiter einzuschränken. Geseke hatte den Vergnügungssteuersatz 2019 von 3,4 auf 4,4 Prozent erhöht, was zur Abmeldung von Geldspielgeräten geführt hat.

Neue Konkurrenz kommt nun aus dem Internet – wo ebenfalls andere Regeln gelten. Dort dürfen Spiele sogar bis zu 1 Euro kosten. Auch das ärgert Mayler: „Bei uns gibt es noch eine soziale Kontrolle durch die Mitarbeiter, im Internet nicht.“

Am meisten von Sucht betroffen sind junge Männer, häufig mit Migrationshintergrund. Mayler vergleicht sein Modell gerne mit Kneipen: Spielen sei weniger gesundheitsschädlich als regelmäßiger Alkoholkonsum. Vieler seiner Kunden gehe es um Gesellschaft.

Kritisiert wird von dem Geschäftsführer, dass die Landeslottogesellschaft mit Rubbellosen ein ähnlich hohes Suchtpotenzial bietet wie bei Automatenspielen.

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Schnelligkeit macht den Reiz aus

Dem widerspricht Engelkamp: „Wir haben kaum Lotto-Spieler hier in der Beratung. Der ganz überwiegende Teil hat in Spielhallen gezockt – auch wenn der Anteil an Onlinespieler und Sportwetten immer größer wird.“ Im Grundsatz bestätigt die Suchtberaterin, die in Geseke wohnt, die Aussage: „Die Schnelligkeit macht den Reiz aus. Je schneller das Spiel sich dreht, desto höher das Adrenalin, dass durch den Körper schießt und das Glücksgefühl beim Gewinn. Der Botenstoff Dopanin löst in unserem Gehirn positive Emotionen aus und belohnt diese Verhaltensweisen.

Bei übermäßigen Glücksspiel hat sich der Körper an den Botenstoff gewöhnt“, erklärt Eva Engelkamp: „Deshalb wird dann immer länger und mit höheren Einsätzen gespielt. Das sind deutliche Warnsignale einer Sucht.“
Danach folgt meist eine Verschuldungsspirale, weil die Klienten glauben, durch Glücksspielgewinne die Einbußen wettmachen zu können. Erst wenn die Schuldenlast sie erdrückt, suchen Betroffene Hilfe.

Bislang hatten Online-Spieler gute Karten ihre Zahlungen an die Casinos wegen Illegalität zurückzufordern – entweder vom Anbieter selbst oder vom Zahlungsdienstleister wie Paypal, Visa oder Mastercard. Mit der Legalisierung wird das schwierig.

Die deutschen Behörden haben die illegalen Angebote bsiher weitgehend geduldet und den hohen Aufwand gescheut Anbieter in Malta oder Zypern zu verfolgen.

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Dabei birgt das Online-Glücksspiel laut Bundesregierung stuft ein hohes Risiko, zur Geldwäsche genutzt zu werden. Die für Geldwäsche zuständige Financial Intelligence Unit (FIU) ist aber gelähmt. Immerhin: Die neue gesetzliche Regelung beschränkt den Spieleinsatz auf 1.000 Euro pro Monat. Die Suchtberaterin gibt jedoch zu bedenken: „Auch das ist viel Geld.“

Hilfe für Betroffene

Spielfrei – Fachstelle Glücksspielsucht der Caritas, Ükern 13, 33098 Paderborn
Tel. 0 52 51-889 11 20
Mail: spielfrei@caritas-pb.de
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Gemeinsame Recherche mit Correctiv

Diese Recherche ist Teil einer Kooperation der Neuen Regionalen mit Correctiv.Lokal, einem Netzwerk für Lokaljournalismus, das datengetriebene und investigative Recherchen gemeinsam mit Lokalredaktionen umsetzt. Correctiv.Lokal ist Teil des gemeinnützigen Recherchezentrums Correctiv, das sich durch Spenden von Bürgern und Stiftungen finanziert. Mehr Infos unter: www.correctiv.org/

In einer früheren Version des Artikel hatten wir den Vergnügungssteuersatz in der Tabelle falsch angegeben. Die vorher berichteten 6 Prozent für Geseke und Salzkotten beziehen sich auf Spielcasinos, nicht auf Spielhallen. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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