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Foto: Vausshof
Die Rinder des Salzkottener Vaußhofes stehen fast ganzjährig auf der Weide.
NR-Land

Rind auf dem Teller: Auf die Herkunft kommt es an

Sonntag, 17. Januar 2021 von Franz Purucker

Wer selbst kocht und Rindfleisch essen möchte, gibt dafür auch gerne etwas mehr Geld aus – zum Beispiel für edles Argentisches Rindersteak, das gerne als „Weidefleisch“ betitelt wird. Der Begriff ist jedoch rechtlich nicht geschützt und die Realität sieht oft anders aus.

Wer bei „Weidefleisch“ an idyllisch weidende Rinder in den Steppen Südamerikas denkt, liegt nämlich falsch: Viele der Tiere werden in sogenannten Feedflots gehalten – enge Gitter ohne Gras – und mit Soja, Getreide und Wachstumshormonen schnell auf ihr Schlachtgewicht gemästet. Dazu wird das Fleisch dank gesenkter Import-Zölle günstig verschifft.

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Auch heimische Zuchtbetriebe sehen diese Art der Fleischproduktion in Südamerika kritisch, weil sie dem regionalen Fleisch mit falscher Werbung Konkurrenz machen und zusätzlich von EU-Importvergünstigungen profitieren. 

Sind die Bedingungen auf den Höfen im NR-Land besser? 

2016 wurden im Kreis Paderborn 49.231 Rinder gehalten – davon 97 Prozent in konventioneller Haltung. Im Kreis Soest sind es 36.386, davon 96 Prozent konventionell. 

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Viele Tiere leben auf einem sogenannten Vollspaltenboden, wo die Exkremente durchgetreten und mit einem Schieber entfernt werden. Ein Auslauf ist für konventionelle Rinder nicht vorgeschrieben, eine Anbindehaltung ist bis zu 35 Rinder zulässig. In den letzten Jahren haben immer mehr auf Strohhaltung umgestellt.

Mastkälber müssen täglich 1,1 bis 1,3 Kilogramm zunehmen, bis sie ein Schlachtgewicht von 220 bis 260 Kilogramm erreicht haben. Mastbullen erreichen um die 450 Kilogramm Schlachtgewicht. Ein Mastbulle hat laut Albert Schweitzer Stiftung rund 2,7 Quadratmeter Platz zur Verfügung. 

Auch das Fleisch von Landwirt Ingo Eschenbüscher aus Salzkotten landet als konventionelles Fleisch im Handel, überwiegend verkauft durch lokale Metzger. 

Aber: Ingo Eschenbüscher hält seine 120 bis 130 Mastfärsen in Strohhaltung. Die Tiere übernimmt der Landwirt von einem anderen Betrieb im Alter von zwei bis sechs Wochen und einem Gewicht von etwa 60 bis 80 Kilogramm. Im Stall haben die Tiere etwa drei Quadratmeter Platz, nach einem halben Jahr rund 4,5 Quadratmeter. 

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Konventionell, aber auf Stroh gehalten

Da diese Form der Haltung für den Landwirt aufwendiger und teurer ist, gewährt die Europäische Union dafür zusätzliche Agrarsubventionen. 2019 erhielt Eschenbüscher für die Strohhaltung seiner Tiere 2.886,90 Euro. Für Ausgleichsmaßnahmen wie Blühstreifen, extensives Grünland für Wildtiere oder Getreide, welches über Winter stehen bleibt um beispielsweise Feldhamster zu fördern, gibt es weitere Förderprämien.

Bringen die Tiere 350 bis 400 Kilogramm auf die Waage, werden sie an einen Viehhändler verkauft. Ein Teil geht an kleine Schlachtereien, einige Tiere unter anderem zum städtischen Schlachthof nach Bochum. Dort werden die Tiere mit einem Bolzenschuss betäubt. Dann beginnt die Entblutung und die Zerlegung.

Zusätzlich hat Eschenbüscher sich der regenerativen Landwirtschaft verschrieben, um Pilze, Regenwürmer und Bodenbakterien im Erdreich durch eine möglichst geringe Bodenbearbeitung schonen.

Trotzdem: Dünger und Pflanzenschutzmittel darf Eschenbüscher verwenden – auch das oft kritisierte Glyphosat. „Manchmal geht es nicht anders. Wir müssen den Unkräutern irgendwie Herr werden.“ 

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Bio: Doppelt so viel Platz, aber auch doppelt so teuer

Auf die Felder von Landwirt Marius Pötting vom Vaußhof in Scharmede darf aufgrund der EU-Bio-Zertifizierung kein Glyphosat ausgebracht werden. 

Die Tiere leben neun Monate im Jahr als Herde auf der grünen Weide. „Jeder kann kommen und den Tieren beim Fressen zuschauen“, sagt der 43-Jährige und zeigt auf das Feld im Norden von Scharmede. 

Im Herbst und Winter werden  Heu und Silage zugefüttert, da auf der Wiese nichts mehr wächst. Mais lehnt Marius Pötting als Futtermittel ab: „Die Energie- und damit auch die Ökobilanz ist zu schlecht.“ Ihm geht es um Nachhaltigkeit.

Im Stall hat jedes Tier acht bis neun Quadratmeter Fläche – nötig sind laut EU-Biorichtlinie 1,5 bis fünf Quadratmeter – je nach Tiergröße. 

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In Sachen Nachhaltigkeit geht der Vaußhof noch weiter: „Wir schlachten nur, was bei uns aufgewachsen ist.“ Vermarktet wird das Fleisch ausschließlich im eigenen Hofladen. Der Kilopreis liegt mit 24 bis 26 Euro (Rinderroulade) fast doppelt so hoch wie beim konventionellen Landwirt. „Ein Tier, dass beim konventionellen Betrieb auf 450 bis 480 Kilo kommt, hat bei uns 300 Kilo“, erklärt der Bio-Bauer den Unterschied.

90 Rinder hält der Vaußhof aktuell, die Nachfrage ist in der Corona-Krise weiter gestiegen.

Geschlachtet wird aktuell noch im etwa 30 Minuten Fahrzeit entfernten Borchen-Atteln, ebenfalls per Bolzenschuss und anschließendem Entbluten. Perspektivisch will Marius Pötting seinen Tieren den Transport und die Tötung vor Ort, bei der die Rinder großen Ängsten ausgesetzt sind, ersparen und diese selbst auf der Weide schießen. Dafür fehlen ihm jedoch aktuell noch die nötigen Genehmigungen. 

Auch der Vaußhof erhält EU-Agrarsubventionen, darunter rund 30.000 Euro für den ökologischen Landbau sowie Agrarumwelt- und Klimaschutzmaßnahmen.

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