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Foto: privat
Der Salzkottener Bahnfreund und Chronist mit einem Schild aus den Nachkriegsjahren am Geseker Bahnhof, was auch gut in die heutige Zeit passen würde.
Salzkotten / Geseke

Renaissance des „Hamsterns“ und was der Begriff eigentlich ausdrückt

Sonntag, 12. April 2020 von Rainer Wester

„Hamsterer werden hier rücksichtslos festgenommen“ steht auf der Tafel, die der Salzkottener Bahnfreund Rainer Wester aufgrund des Bahnbezuges irgendwann gekauft hat. Nicht ahnend, dass der Begriff „Hamstern“ in Kombination mit der Corona-Krise so populär wird.

„Inhaltlich passt das Schild derzeit an die Tür eines jeden Supermarktes“, so Wester angesichts der Menschenmassen, die Toilettenpapierregale leerkaufen.

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Aus dem Schild geht auch die Zuständigkeit des Bürgermeisters hervor, was darauf schließen lässt, dass dieses Schild nicht auf dem Bahngelände, sondern in der Stadt hing.

Rainer Wester mag die aktuelle Verwendung des Wortes „Hamstern“ nicht. „Das Leid der Hamsterer, etwa nach dem letzten Krieg, ist kaum vergleichbar mit einer Zeit, in der Menschen trotz voller Geschäfte Mehl und Dosen horten“.

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Seit 25 Jahren führt Wester zwischen Paderborn und Lippstadt Zeitzeugengespräche mit früheren Eisenbahnern. In deren Lebenserinnerungen hatte „Hamstern“ eine andere Bedeutung.

Menschen aus der Stadt kamen zum Hamstern aufs Land

Ein Bahnbeamter der Fahrkartenausgabe Salzkotten erinnerte sich noch gut an die Hamsterer, die nach dem Krieg vor allem aus dem Ruhrgebiet mit überfüllten Zügen nach Salzkotten kamen, um hier Habseligkeiten gegen Essbares einzutauschen. Die Fahrkarten waren günstig.

Unter den Eisenbahnern hieß es: „Jetzt bringen sie den Bauern wieder ihre Perserteppiche für die Schweineställe“. Es war eine Anspielung auf jene Landwirte, die sich für ein paar Kartoffeln an teuren Dingen bereicherten.

Viele tränenreiche Gegebenheiten gab es später selbst unter denen, die etwas tauschen konnten und sich bereits auf dem Rückweg befanden: Aus Angst, mit den eingetauschten Kartoffelsäcken nicht durch die früher üblichen Bahnsteigsperren zu kommen, wuchteten einige ihre Waren über den Zaun auf den Bahnsteig und rannten dann schnell durch den Bahnhof, wo die Fahrkarte vorgezeigt werden musste.

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Als sie zurück auf den Bahnsteig kamen, waren die Waren bereits beschlagnahmt oder gestohlen. Andere, die es bis an den Zug schafften, hatten nicht mehr Glück. Nicht selten platzten Säcke oder Kisten während der Fahrt oder fielen ins Gleisbett.

Auch die Geseker hatten in den ersten Nachkriegsjahren mit sich selbst zu tun. Feld- und Gartendiebstähle waren an der Tagesordnung, Heizmaterial war vor allem im außergewöhnlich kalten Winter 1946/47 schwer zu beschaffen. „Der Personenverkehr nahm besonders in den Jahren der Lebensmittelknappheit von 1946 bis Mitte 1948 nicht gekannte Ausmaße an“, so ein Bericht der Stadt Geseke. Gemeint waren damit die Hamsterer in den Zügen.

Scharmede war nach dem Krieg ebenfalls Zielpunkt der Hamsterer. Bauern standen mit ihren Fuhrwerken bereits am Bahnhof, als der Zug einfuhr. Wer zahlen konnte, durfte mitfahren und wurde nach der Hamstertour zurück zum Bahnhof gebracht. Auch hier schafften es viele nicht, ihre eingetauschten Waren bis ins Ruhrgebiet zu ihren Familien zu retten.

Unweit des Scharmeder Bahnhofs wohnte seit Anfang 1946 bei einem Gastwirt der örtliche Polizist. Dieser war hinter Diebesgut her. Besonders vor dem Morgenzug wurde er fündig. Meistens handelte es sich um Frischfleisch oder Lebensmittel. War der Eigentümer nicht ausfindig zu machen, bekam das Salzkottener Krankenhaus die Waren.

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Hamsterkäufe gingen in der Geschichte oft mit Schwarzhandel einher. Statt heimlicher Käufe von umherschleichenden Personen in langen Mänteln wird heute offen im Internet mitgeboten. Rainer Wester hat ein aktuelles Verkaufsgebot beispielhaft für seine Upsprunger Ortschronik ausgeschnitten. Stolze 20,50 Euro wurden bei Ebay für zehn Rollen „supersoftes“ Toilettenpapier verlangt.

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