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Foto: Franz Purucker
Ingo Eschenbüscher aus Salzkotten bewirtschaftet 120 Hektar Land und hat sich wegen der gesunkenen Preise von der Milchviehaltung verabschiedet. Nun züchtet dieser Schlachtrinder - doch auch da gehen die Preise immer weiter in den Keller:
Thema der Woche

Landwirte in der Krise: Die Kosten übersteigen den Schlachterlös

Samstag, 4. Juli 2020 von Franz Purucker

Ein zartes Steak mit Kräuterbutter, ein saftiger Hamburger oder frischer Spargel mit Wiener Schnitzel – diese Gerichte sind in der Gastronomie beliebt, durch die Corona-Pandemie aber in den vergangenen Wochen kaum nachgefragt wurden.

Das Ostergeschäft fehlte, ebenso die Pfingst- und Spargelsaison. Mit den Sommerferien sinkt die Rindfleisch-Nachfrage saisonbedingt – der Preis fällt entsprechend weiter. Hinzu kommt die Sperrung des Tönnies-Schlacht-hofes, wo auch Rindfleisch verarbeitet wird.

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„Ich lege bei jedem  verkauften Rind drauf“

Aktuell – das heißt bei einem Verkauf in der zurückliegenden Woche – erhalten die Landwirte 3,44 bis 3,48 pro Kilogramm für Fleisch vom Jungbullen. Damit hat sich der Preis bereits leicht erholt. Vor einigen Wochen waren es nur 3,05 Euro pro Kilogramm.

Bei einem Schlachtgewicht von 350 bis 450 Kilogramm ergibt sich ein Erlös von rund 1.200 bis 1.600 Euro. Allein die Jungtiere kosten im Schnitt rund 250 Euro, hinzu kommen die Futterkosten und die Kosten für den Stall.
„Ich lege bei jedem verkauften Rind aktuell 100 bis 150 Euro drauf“, berichtet Ingo Eschenbüscher, Rinderhalter aus Salzkotten.

Mit dem Verkauf bis zu höheren Preise zu warten, geht nicht. Sind die Tiere älter als 24 Monate, zählen diese nicht mehr als Jungbullen – der Preis fällt dann auf 2,50 bis 3,50 Euro. Das heißt: Die Landwirte sind gezwungen, zum Ramschpreis zu verkaufen. Für Ingo Eschenbüscher ist die Viehhaltung nur ein Nebenerwerb. Von Milchkühen und eigener Kälberaufzucht hat er sich bereits getrennt. Was den Bauern ärgert, ist vor allem die deutsche Exportpolitik.

Denn: Nicht jedes Stück Rindfleisch, dass auf deutschen Tellern landet, stammt auch aus Deutschland. Viel Fleisch wird beispielsweise aus Südamerika importiert – sehr zum Unmut der Landwirte. „Die Haltungsformen und Standards dort sind nicht mit unseren zu vergleichen. Wir machen Strohhaltungsprogramme, geben jedem Tier mindestens 4,50 Quadratmeter“, so Eschenbüscher.

Tierschutzorganisationen berichten von genmanipuliertem Futter und künstlichen Wachstumshormonen. Trotzdem gibt es sogar Zollabkommen mit den Ländern Brasilien und Argentinien, die für den Import Zollvergünstigungen oder gar Zollfreiheit vorsehen.

Der Hintergrund: Die EU und insbesondere Deutschland hat als Exportweltmeister von Maschinen und Autos ein großes Interesse an einem regen Handelsaustausch und kommt den Ländern mit dem Import von Fleisch entsprechend entgegen.

Zwei Landwirte vor ihrem neuen Kuhstall.
Vor dem neuen Stall: Hubert (l.) und Thomas Werner haben in ihren Hof in Salzkotten-Verne investiert. Der Hof bietet nun Platz für 120 bis 130 Kühe – vorher waren es 60.
Foto: F. Purucker

Thomas und Hubert Werner aus Salzkotten-Verne halten aktuell 120 bis 130 Milchkühe – bis vor einigen Wochen waren es noch etwa halb so viele. Viele ihrer Berufskollegen ziehen sich wegen der sinkenden Preise aus diesem Bereich zurück.

Während der Milchpreis im Februar laut dem Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband (WLV) bei durchschnittlich 35,4 Cent pro Kilogramm lag, rutschte er zwischenzeitlich auf 25,3 Cent ab. Gastronomen und Kantinen nahmen in der Corona-Krise weniger Milch ab und die Industrie benötigte weniger Milchpulver.

Viele Molkereien kamen jedoch gleichzeitig kaum noch nach, Supermärkte zu beliefern, in denen die Kunden verstärkt Milchprodukte nachfragten. Gleichzeitig brachen aber auch die bewährten Absatzkanäle wie in Richtung Italien ein. „Die Molkereien müssen jetzt flexibel auf die Verschiebungen im Milchmarkt reagieren“, so Wilhelm Brüggemeier, WLV-Vize-Milchpräsident.

Diese Entwicklung findet sich nun mit Verzögerung auch in den Erzeugerpreisen wieder, den die Milchbetriebe für die abgegebene Milch erhalten. Der durchschnittliche Auszahlungspreis in Westfalen-Lippe lag laut Bauernverband im Mai bei 32,4 Cent pro Kilogramm.

„Gleichzeitig machen sich nun die Auswirkungen der vergangenen Dürresommer bemerkbar, in denen die Landwirte keine Rücklagen schaffen konnten“, sagt WLV-Präsident Hubertus Beringmeier aus Hövelhof: „Umso mehr ärgert es uns, dass die großen Handelsketten regelmäßig die Preise drücken und den Betrieben im gleichen Zuge ständig neue Erzeugerkriterien auferlegen.

Wenn die Milch auch in Zukunft aus der Region kommen soll, brauchen unsere Bauern auskömmliche Preise, die ihre Arbeit wertschätzen. Ich rufe den Lebensmitteleinzelhandel auf, mit uns zusammenzuarbeiten, damit wir gemeinsam den Wünschen der Verbraucher Rechnung tragen“, so Beringmeier.

Davon unbeeindruckt hat Thomas Werner aus Salzkotten seine Milchproduktion ausgebaut. Der neue Stall nach neusten Tierwohl-Kriterien umfasst nun 120 bis 130 Kühe. Sogar eine Umstellung auf biologische Landwirtschaft wäre möglich. „Mit dem Anbau können wir den Liter günstiger produzieren, wir arbeiten effizienter“, so Werner: „Wachsende Betriebe müssen sich wegen des Kostendrucks vergrößern. Kleine bäuerliche Landwirte sterben aus.“

Die größten Kostenpunkte wie Investition in Siloanlagen und Melktechnik lassen sich für große Betriebe auf mehr Kühe umlegen. Auch die Beschaffung von Futter wird so günstiger. Thomas Werner hat den Betrieb vor fünf Jahren übernommen, wollte erst in die Bullenmast investieren, absolvierte dann eine Ausbildung zum Landwirt und entschied sich nach betriebswirtschaftlicher Rechnung und reichlicher Überlegung für die Milchviehhaltung.

Dies zeigt sich auch in der Statistik: Die Zahl der Betriebe nimmt seit Jahren ab, während die Zahl der Tiere etwa konstant bleibt. Die Folge: Die Zahl der Tiere pro Betrieb steigt – im Kreis Paderborn von 57 Tieren pro Hof im Jahr 2012 auf nun 68 im aktuellen Jahr. Im Kreis Soest sind die Zahlen ähnlich von 59 auf nun 68 Tiere pro Hof gestiegen.

Ein Zurück gibt es für die Familie Werner nicht. Der neue Stall ist über ein Darlehen finanziert, welches über mehrere Jahre abbezahlt werden muss.
Allerdings muss auch der Salzkottener nicht allein von den Einnahmen leben. Er ist halbtags in der Metallverarbeitung tätig und hat somit ein zweites Standbein neben dem Hof, den er wiederum gemeinsam mit seinen Eltern bewirtschaftet.

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