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Foto: Franz Purucker
Mit der Forderung Biogas zu fördern statt russisches „Putin Gas“ kaufen zu müssen, wenden sich die Landwirte Andreas Busche (von links), Marcus Blome, Christian Kroll-Fiedler, Franz-Josef Löns, Hubertus Hüllmann, Bernhard Schültken und Andre Brunnert an Politik und Gesellschaft.
NR-Land

Kann Biogas ein Teil der Energiewende sein?

Samstag, 23. April 2022 von Franz Purucker

Der größte Stromanbieter im NR-Land – die EON – hat angekündigt, zum 1. Juni ihren Strompreis in der Grundversorgung auf 36,33 Cent zu erhöhen. Damit liegt das Unternehmen weiterhin weit unter den Spitzenpreisen, die etwa die Stadtwerke Gütersloh (53 Cent je Kilowattstunde) oder Lippstadt (38,4 Cent je Kilowattstunde) aktuell aufrufen und selbst unter den Preisen aller Stromanbieter in Vergleichsportalen. Die Gaspreise will das Unternehmen vorerst stabil halten.

Im gewerblichen Bereich machen sie die hohen Preise für Erdgas längt bemerkbar. Erste große Produktionsunternehmen haben den Betrieb gedrosselt oder ganz eingestellt, heißt es bei NR-Anfragen. Mit Namen möchte aber kein Betrieb in der Zeitung erscheinen.

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Für die Betreiber von grünen Energieproduzenten, zu denen neben Solaranlagen und Windkraftfirmen auch die Betreiber von Biogasanlagen zählen, steigt die Möglichkeit, ihren Strom selbst zu verkaufen. 

Aktuell erhalten die Produzenten von erneuerbarer Energie über 20 Jahre eine festgelegte Vergütung für den eingespeisten Strom, der über die EEG-Umlage finanziert wird. 

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Die meisten Biogasanlagen in der Region entstanden rund um das Jahr 2005 und fallen in den nächsten Jahren aus der Förderung. „Wenn wir bei der Energiewende vergessen werden, wäre das fatal“, schimpft Bernhard Schültken, einer von sieben Landwirten und Betreibern von Biogasanlagen, die nun an die Presse gegangen sind.

Sollten sich die Energiepreise aber weiter auf hohem Niveau bewegen, stehen die Chancen gut, dass die Landwirte ihren Strom selbst gewinnbringend verkaufen können. Das Potenzial ist aber noch viel größer, meinen die Anlagenbetreiber und machen Politik und Gesellschaft ein Angebot, wie sich unabhängig von Putins Gas zumindest ein Teil der Strom und Gasversorgung schon heute produzieren lässt und das sogar gänzlich unabhängig von Wind und Sonnenschein.

Fünf Millionen Kilowattstunden Strom und die gleiche Menge Wärme produziert Landwirt Marcus Blome aus Delbrück jedes Jahr mit seiner Biogasanlage – möglich wäre aber noch viel mehr. „Wir könnten die Produktion um 20 bis 30 Prozent steigern“, so der Landwirt. 

Dem im Weg steht aktuell das Baugesetzbuch, dass vorschreibt, dass jede Anlage im Außenbereich nur maximal 2,3 Millionen Kubikmeter Gas produzieren darf. Theoretisch wären auch größere Anlagen zulässig, wenn diese entweder in Gewerbegebieten stehen oder die Gemeinde dafür spezielle Flächen ausweisen – wie es im benachbarten Rietberg geschehen ist.

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„Wir können die Energiewende mit unseren Anlagen stützen“, so Hubertus Hüllmann, selbst Betreiber einer solchen Anlage in der Region. Im Gegensatz zu Wind und Sonne haben diese einen großen Vorteil. „Unsere Biogasproduktion ist durchweg gleich. Außerdem können wir das Gas speichern und in Spitzen mehr verbrennen“, erklärt Hüllmann weiter.

In den Anlagen landen laut den versammelten Landwirten fast ausschließlich Abfallprodukte wie Kartoffelschalen, Abschnitte von Zuckerrüben oder überlagerte Lebensmittel. „Bei uns kommen nur Stoffe rein, die Menschen oder Tier nicht essen können.“ Dies war zu Beginn anders, was zur sogenannten „Teller und Teller“-Diskussion führte.

Moderne Anlagen wie die von Franz-Josef Lüns aus Lichtenau-Husum sind Null-Emmissionsanlagen – also rundherum abgeschottet  um Geruchsbelästigungen für die Anwohner zu verhindern. In der Anlage von Marcus Blome landet überwiegend Mist von Tieren.

Die Landwirte könnten sogar noch weiter gehen: „Möglich wäre eine Einspeisung ins Erdgasnetz“, so Hubertus Hüllmann. Bislang war dies nicht wirtschaftlich, weil importiertes Gas viel günstiger war. Nun dreht sich das.

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Der für große Teil der Region zuständige Gasnetzbetreiber Westfalen Weser Energie (WWE) teilt auf Anfrage mit, dass dieser gesetzlich sogar verpflichtet ist, Biogas ins Netz einzuspeisen. 

„Bisher haben Biogasanlagenbetreiber in unserem Netzgebiet von der Möglichkeit der Einspeisung keinen Gebrauch gemacht“, so Pressesprecherin Maria Pottmeier-Rath auf NR-Anfrage.

Der Grund: Das Biogas müsste aufbereitet werden, bevor es eingespeist werden kann, da die Gase eine unterschiedliche chemischen Zusammensetzung haben. Biogas muss auf die Erdgasqualität „angereichert“ werden. Die Aufbereitung ist kostenintensiv und insbesondere in ländlichen Gebieten fehlen oft die nötigen Transportgasleitungen, so WWE. 

Die Landwirte hingegen können sich eine solche Verwertung inzwischen gut vorstellen. „Ich habe den Eindruck, man will uns davon fernhalten“, so Blome, der selbst den Vorschlag der Einspeisung gemacht hat und mit der WWE im Gespräch ist. Der Landwirt mit Hof Delbrück meint, dass es innerhalb eines Jahres möglich wäre, das Biogas ins Erdgasnetz einzuspeisen.

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Aktuell werden Biogasanlagen von der WWE zur direkten Wärmeversorgung genutzt. Die Abwärme entsteht aktuell als Nebenprodukt von den Anlagen und wird auch für die Landwirte interessanter. „Früher wollte diese Wärme keiner haben, da Erdgas günstiger ist. Doch das ändert sich nun“, so Blome.

Zu den diskutierten Erdgas-Ausfällen, wenn beispielsweise weniger oder gar kein russisches Gas mehr geliefert wird, beruhigt die WWE: „Sofern ein Gasengpass vorliegen sollte, greifen bestimmte Mechanismen wie beispielsweise die bedingte Belieferung von Industriekunden, sodass die Gasversorgung für die Kunden – vor allem private Haushalte und soziale Einrichtungen – möglichst aufrechterhalten werden kann.“

Die zuletzt von Wirtschaftsminister Robert Habeck ausgerufene Frühwarnstufe bedeute noch keinen Engpass. „Die Energiewirtschaft nimmt damit ihre hohe Verantwortung wahr und bereitet sich auf mögliche Krisensituationen gewissenhaft vor“, so die WWE auf NR-Anfrage.

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