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Alexander Tschense in der evang
Foto: privat
Alexander Tschense ist der Vorsitzende des Presbyteriums in der evangelischen Kirchengemeinde Lippstadt.
Umland (Raum Lippstadt)

Interview: Kirchgemeinden stehen vor großen Herausforderungen

Samstag, 21. März 2020 von NR Redaktion

Seit einer Woche ruht das öffentliche Leben. Davon sind – ganz ausdrücklich – auch die Gottesdienste betroffen. Alexander Tschense ist Vorsitzender des Presbyteriums der Evangelische Kirchengemeinde Lippstadt und sieht die Gemeinden vor großen Herausforderungen.

In einem Interview erklärt der Prebyter, wie sich die Kirche in Zeiten der Krise verändert und die digitale Welt für sich erschließt.

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In den letzten Tagen gehen den Gläubigen viele Fragen durch den Kopf. Welche sind das?

Als Gemeinde repräsentieren wir den gesamten Querschnitt der Gesellschaft. Vom Täufling bis zu den Senioren. Entsprechend traditionsverbunden sind wir an vielen Stellen mit unseren Angeboten. Kirche entwickelt sich langsamer als andere Bereiche des Lebens.

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Als wir am Freitag entschieden haben, alle Veranstaltungen abzusagen, haben wir nicht geahnt, dass die politischen Entscheidungen sich so dynamisch entwickeln würden. Am Freitag sind wir noch davon ausgegangen, wöchentlich Gottesdienst feiern zu können. Letzte Woche wurde die Kirche von einem Tag auf den anderen in das 21. Jahrhundert katapultiert. Wir müssen lernen, was es bedeutet, Kirche ohne Gebäude zu sein.

Kirche ohne Gebäude? Die Marienkirche steht doch nach wie vor sehr prominent auf dem Marktplatz.

Das stimmt und ist einer der großen Vorteile, die wir als Kirche im Moment haben. Es gibt nach wie vor Orte, die mit Kirche identifiziert werden und davon machen wir Gebrauch. Nehmen Sie zum Beispiel das Gebetsläuten. In ganz Lippstadt werden wir zusammen mit der katholischen Gemeinde jeden Abend um 19.30 Uhr für fünf Minuten die Glocken läuten.

Wir laden damit ein, Zuhause zu beten und dabei als Zeichen der Hoffnung und Verbundenheit eine Kerze ins Fenster zu stellen. Die Jakobikirche und die Friedenskirche bleiben für den persönlichen Moment der Stille und des Gebets geöffnet.

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Das ist gerade jetzt, in Zeiten der Krise und der sozialen Isolation, wichtig. Und natürlich achten wir darauf, dass die Menschen nur einzeln in die Kirche kommen. Unser Gemeindebüro bleibt übrigens bis auf weiters täglich von 9 bis 12 Uhr geöffnet, auch weil wir dort die KIA-Karte an Menschen verteilen.

Was bedeute dann Kirche ohne Gebäude für Sie?

Wir sind, wie alle anderen auch, als Gemeinde der Möglichkeit beraubt uns zu treffen. Die klassischen Formen der Verkündigung und Seelsorge können nicht mehr stattfinden.

Sie haben letzte Woche als Gemeinde mitgeteilt, dass Sie an neuen Formen arbeiten wollen. Was ist daraus geworden?

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Krisen sind anstrengend, aber Krisen wecken auch ein großes Maß an kreativer Energie. Der Pfarrkonvent hat sich schnell auf die Gegebenheiten eingelassen. Bereits seit Montag wird die Jakobikirche täglich durch eine Seelsorgerin oder einen Seelsorger geöffnet. Wir werden unseren Gemeindegliedern aufmunternde Worte in Form von Briefen und Newslettern zukommen lassen.

Mit den Konfirmanden und anderen Gruppen tauschen wir uns per WhatsApp aus, Senioren werden angerufen und gefragt, wie es Ihnen geht. Wir überlegen eine telefonischen Seniorenkreis einzurichten. Und am Donnerstag ist unser erster Podcast erschienen. Jeden Tag gibt es jetzt eine Folge von „Im Fahrstuhl mit Gott“.

Erklären Sie uns, was sich hinter „Im Fahrstuhl mit Gott“ verbirgt.

Stellen Sie sich vor, Sie steigen in einen Fahrstuhl und treffen eine Person. Viel Zeit bleibt dann nicht, um das Wichtigste zu besprechen. So ist es auch beim Podcast. Jeden Tag steigt eine Person in den Fahrstuhl und spricht 60 Sekunden mit oder über Gott. Das kann eine Pfarrerin oder ein Pfarrer, aber auch ein Jugendmitarbeiter oder ein Gemeindeglied sein, die in den Fahrstuhl steigen. Zuhören gibt es das auf der Internetseite und bei Facebook.

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Sie haben WhatsApp und Facebook genannt. Ist der Umgang mit social Media nicht neu für Sie als Gemeinde?

Keineswegs. Wir sind schon seit längerer Zeit bei Facebook und Twitter aktiv. Das kommt uns jetzt zugute. Und auch die ersten Videobesprechungen haben wir gut überstanden.

Die Gemeinde hat letzte Woche eine Skype-Andacht angekündigt. Wie sieht es damit aus?

Diese Andacht wird es geben und sie wird immer sonntags ab 10 Uhr im Internet zu sehen sein. Wir haben uns allerdings gegen eine Live-Übertragung per Skype entschieden. Das hat vor allem damit zu tun, dass wir den Zugang zu dieser Andacht möglichst einfach gestalten wollten. Bei Skype muss man sich erst als Benutzer registrieren. Das erschien uns zu umständlich. Die Möglichkeit der, zumindest indirekten, Interaktion gibt es trotzdem. Sowohl auf dem YouTube-Kanal als auch direkt auf der Internetseite der Kirchengemeinde können Kommentare und Gebetsanliegen gepostet werden, die dann in der nächsten Andacht Berücksichtigung finden. Vor der Jakobikirche haben wir zusätzlich einen Gebetsbriefkasten aufgestellt. Dort können die Gemeindeglieder ihre Anliegen ganz analog einwerfen.

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Lassen Sie uns noch ein paar Wochen nach vorne gucken. Dann ist Ostern und anschließend beginnt die Zeit der Konfirmationen. Wie wird Ostern ohne Gottesdienst aussehen?

Zunächst einmal wird Ostern stattfinden. Daran kann auch das Virus nichts ändern. Und dann werden wie jedes Jahr die Glocken unserer Kirchen – von Hörste bis Benninghausen – läuten und die befreiende Botschaft der Auferstehung verkünden. Das wird, wie auch das Gebetsläuten, weithin hörbar sein.

Die Gottesdienste und alle Veranstaltungen, wie die Musik zur Sterbestunde oder das Osterfeuer an der Johanneskirche sind natürlich abgesagt. Welche kreative Form des Feierns wir finden, weiß ich noch nicht, aber so, wie ich unseren Pfarrkonvent im Moment erlebe, wird uns etwas einfallen. Die Konfirmationen werden wir auf die Zeit nach den Sommerferien verschieben.

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