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Foto: privat
Vatihina Katatah wird von Friedrich-Wilhelm Veuhoff (M.) und Peter Hahner unterstützt. Aus Angst vor Verfolgung durch Spitzel aus ihrem Heimatland Eritrea kann die junge Frau ihren wahren Namen nicht nennen und auch ihr Gesicht nicht zeigen.
Geseke

„Ich will doch nur hören, dass es ihm gut geht“

Sonntag, 9. Februar 2020 von Heike Tebbe

Die Geschichte, die hier erzählt werden soll, geht dermaßen unter die Haut, dass man sie lieber verdrängen würde. Und doch ist es brutale Realität, was die inzwischen 33-jährige Vatihina* aus Eritrea erlebt hat. 

Ganz knapp und emotionslos zusammengefasst: Zwangsverheiratung mit 15, Verhaftung und Misshandlung, eine  dramatische Flucht nach Europa und hier, in Deutschland, der Kampf ums Bleiberecht und einen deutschen Pass. Das Schlimmste aber: Zwei ihrer drei Kinder kamen unter brutalen Umständen auf der Flucht mit ihrem Vater ums Leben; ein weiteres überlebte die Flucht und lebt seit fünf Jahren bei einer Pflegefamilie in den USA. Für Vatihina einerseits ein Trost, aber: Sie wünscht sich nichts sehnlicher, als regelmäßig mit dem inzwischen Elfjährigen sprechen zu können, um zu sehen, dass es ihm gutgeht und wie er aufwächst.

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Genau das aber ist ein Problem. Denn die Mühlen der amerikanischen Behörden mahlen langsam, und es braucht einen in den USA zugelassenen Anwalt, um den Kontakt zu ermöglichen. Hier kommt Friedrich-Wilhelm Veuhoff ins Spiel. Der Geseker hat Vatihina kennengelernt, als sie im Haus gegenüber Fenster putzte, und kümmert sich seitdem zusammen mit zwei anderen Helfern um die junge Frau.

Er kennt aus vielen Gesprächen mit Vatihina deren ganze, traurige Geschichte und ist voller Entrüstung und Wut über die vielen Steine, die der Afrikanerin bei ihrem Kampf um ein neues Leben in den Weg gelegt werden. 

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Und über die mangelnde Unterstützung aus Amerika bei Vatihinas Versuchen, wenigstens zu ihrem einzigen überlebenden Kind Kontakt aufnehmen zu können: „Bislang verweigern die Amerikaner sämtliche soziale Zusammenarbeit, so dass nur über Anwälte ein Kontakt gerichtlich erzwungen werden kann“, so Veuhoff. 

Er und seine beiden Mitstreiter waren auch diejenigen, die die Suche nach dem verlorenen Sohn auf den Weg gebracht haben. Das Jugendamt Geseke wurden von den drei Helfern ebenso ins Boot geholt wie der Internationale Sozialdienst Berlin und das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen.

Monatelange Suche 

Über Monate zog sich die Suche, bis es am 1. Mai 2018 endlich zu einem kurzen Telefonat mit dem Sozialarbeiter kam, der die Pflegefamilie von Vatihinas Sohn betreut. Erst fast sechs Monate später, am 16. Oktober 2018, durfte Vathihina dann endlich persönlich per Videoanruf mit ihrem Sohn telefonieren. „Das Kind hat seine Mutter sofort erkannt; es war sehr emotional“, weiß Veuhoff.

Dieser Anruf ist bislang der einzige Kontakt, den Vatihina zu ihrem Sohn hatte. Inzwischen kann sogar nicht mehr ausgeschlossen werden, dass bereits eine Zwangsadoption stattgefunden hat. 

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Brief an den Bundespräsidenten

Der Internationale Sozialdienst hat zur Klärung und Durchsetzung von Vatihinas Interessen den Kontakt zu einem spezialisierten Anwalt hergestellt, der wiederum einen Anwalt in den USA mit dem Fall beauftragen kann, doch: Die Kosten für diesen Rechtsbeistand würden sich nach Schätzungen von Veuhoff auf 5.000 bis 6.000 Euro belaufen – Geld, das Vathihina nicht aufbringen kann und auch die finanziellen Möglichkeiten ihrer Unterstützer übersteigt.  

Veuhoff hat deshalb an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier geschrieben und an Kardinal Reinhard Marx und beide um Unterstützung gebeten. Und er geht an die Öffentlichkeit: „Ich bitte dringend um finanzielle Hilfe, damit wir den Anwalt beauftragen können und Vatihina endlich das Recht eingeräumt wird, regelmäßig mit ihrem Sohn zu sprechen“, appelliert er an die Hilfsbereitschaft seiner Mitbürger.

Neustart als Pflegekraft

Vatihina versucht derweil, weiter Fuß zu fassen in Deutschland. Sie ist zwar bislang nur geduldet, hofft aber auf einen deutschen Pass. Sie hat Deutschkurse besucht, den Hauptschulabschluss abgelegt, Praktika in verschiedenen Betrieben erfolgreich absolviert und will bald eine Ausbildung zur Pflegehilfskraft bei einem Geseker Pflegedienst starten. Vatihina gibt nicht auf – auch nicht, was ihren Sohn angeht. „Ich vermisse ihn“, sagt sie, „und mein größter Wunsch ist es, regelmäßig mit ihm telefonieren zu können, um zu sehen, dass es ihm gut geht.“ (

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