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Ein baby wird auf einem Tisch von einer Hebamme untersucht
Foto: Foto: shutterstock
Bürokratische Hürden, hohe Kosten und wenig Planungssicherheit machen den Hebammenberuf immer unattraktiver. Vielerorts suchen werdende Mütter deshalb dringend Unterstützung. Wir haben mit einer Hebamme gesprochen, die ihren Job aufgibt.
Thema der Woche

Hebammen dringend gesucht

Sonntag, 4. Februar 2018 von Franz Purucker

Eine dreiviertel Stunde Wochenbettbetreuung (Betreuung nach der Geburt) haben inzwischen rund 20 Minuten Bürokratie zur Folge, ärgert sich Hebamme Karin Risse. Die Bad Wünnenbergerin arbeitet als Beleghebamme im St. Josefs-Krankenhaus Salzkotten. Der Aufwand für Dokumentation und Abrechnung, den Krankenkassen und Politik fordern, wird seit Jahren immer mehr. Rund ein Drittel ihrer Arbeitszeit verbringt die Hebamme inzwischen hinter dem Schreibtisch.


Zum 1. Januar ist der Aufwand nochmals gestiegen. Die Kassen fordern nun ein sogenanntes „Qualitätsmanagement“, bei dem alle Leistungen haarklein erklärt und standardisiert in einem Buch, das mehr als 15 Seiten umfasst, dokumentiert sein müssen. Darüber hinaus muss die Wartung von Geräten dokumentiert werden – beispielsweise von der Babywaage. „Das hat sich jemand ausgedacht, der den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt“, so die Hebamme.

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Auch Brigitte Kröning versteht nicht, was diese Richtlinien nützen sollen. „Die Individualität geht völlig verloren“, so die Geseker Hebamme, die unter dem Spitznamen Bibi bekannt ist. Seit Jahren steigende bürokratische Aufwendungen haben dafür gesorgt, dass die 54-Jährige am 1. Juli ihren Beruf an den Nagel hängen wird. „Unser Beruf ist Handwerk, wir müssen mit unseren Händen etwas ertasten.“ Sie habe ihren Beruf nicht gelernt, um stundenlang Formulare auszufüllen.

Ein Hebammenkurs in Lippstadt
Einer ihrer letzten Kurse: Die Hebamme Brigitte Kröning (rechts) hängt ihren Beruf wegen zunehmender Bürokratie an den Nagel. Hier im Geburtsvorbereitungskurs mit den Schwangeren Alexandra (v.l.), Wibke, Sabrina, Jessica und Carina.


Die Hebammen werden immer weniger. Verlässliche Zahlen gibt es nicht, weil es zur Zahl der Hebammen keine Statistik gibt. Doch der scheinbare Mangel hat sich herumgesprochen. „Die meisten Frauen rufen inzwischen sehr zeitig bei uns an, gerade wenn sie den Test in der Hand haben oder zur ersten Untersuchung waren“, so Kröning, die keine direkte Geburtshilfe mehr anbietet und sich ganz auf die Vor- und Nachsorge konzentriert. Fünf bis acht Frauen kann sie gleichzeitig pro Monat betreuen.

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Doch es gibt auch Verbesserungen: So wird Hebammen seit zwei Jahren ein großer Teil der rund 8.000 Euro pro Jahr teuren Haftpflichtversicherung von den Kassen erstattet, wenn sie mindestens eine Geburt im Quartal nachweisen können, erklärt Karin Risse weiter. Doch das System hat seine Tücken: Die Beantragung ist schwierig und dauert. „Manche Kollegen warten bis zu zwölf Wochen auf eine Auszahlung“, so Risse.


Neue Regelung: Maximal zwei Leistungen abrechnen


Schwer haben es außerdem Hebammen, die Hausgeburten begleiten und nur Teilzeit arbeiten. Sie bleiben auf dem Quartalsbeitrag sitzen, wenn die Geburt überraschend doch im Krankenhaus stattfindet oder die Geburt sich ins nächste Quartal verschiebt.
Besonders ärgert sich Risse aber über eine neue Verordnung der Krankenkassen, die es Beleghebammen – also freiberuflichen Hebammen – vorschreibt, nur noch maximal zwei Leistungen gleichzeitig abzurechnen. „Wenn ich zwei Geburten betreue, die sich über Stunden hinziehen, darf ich keine zusätzliche Betreuung einer Schwangeren am Telefon abrechnen.“


Das St. Josefs-Krankenhaus in Salzkotten setzt seit Jahren Beleghebammen ein. Dank flexiblerer Personalplanung lässt sich so sicherstellen, dass die Frauen bis zum Ende der Geburt von der gleichen Hebamme betreut werden. Krankenhäuser mit angestellten Hebammen müssen nach acht, spätestens nach zehn Stunden, einen Personalwechsel sicherstellen.

Kommentar des Autors

Juristen machen Beruf kaputt

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Ausufernde Bürokratie und hohe Haftpflichtversicherungen haben ihre Ursache vor allem in einer immer schwierigeren Streitkultur. Kommt es zu Unfällen, werden von findigen Juristen Schwachstellen gesucht und Protokolle gewälzt, um maximalen Schadensersatz zu erstreiten.
Hier muss die Politik ganz klare Grenzen setzen, um sinnlose Mammutprozesse zu verhindern. Der Hang zur Bürokratisierung kommt Schwangeren nicht durch mehr Qualität – wie vermeintlich beabsichtigt – zu Gute, sondern sorgt für weniger persönliche Betreuung bei der Geburt und mehr Verdienst bei den Anwälten.

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