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Foto: Franz Purucker
Staat und Verbraucher fordern mehr Tierwohl, den Haltern fehlt die nötige Planungssicherheit
Thema der Woche

Haltungssiegel krempelt Landwirtschaft um

Montag, 16. Mai 2022 von Franz Purucker

Landwirt Marko H., der anonym bleiben möchte, aber im NR-Verbreitungsgebiet wohnt, würde gerne in einen neuen Stall investieren. „Ich liebe meinen Beruf und die Arbeit mit Tieren.“ Durch den Ukraine-Krieg explodieren die Baukosten, die Investitionssumme ist kaum zu kalkulieren. 

Viel schwieriger aber ist die Unsicherheit: „Wir kennen viele, die gerne bauen würden, aber keiner weiß, wie die Tierwohldiskussion weitergeht und wie der Stall der Zukunft aussieht“, so Bernhard Rüb von der Landwirtschaftskammer NRW.

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Die Kammer hat Mitte März in Bad Sassendorf den Grundstein gelegt, um neue Stallkonzepte in einem „Schweinestall der Zukunft“ zu erproben. Geprägt wird der Bau von einem erhöhten Platzangebot für die Tiere, strukturierten Funktionsbereichen, organischem Beschäftigungsmaterial, Außenklimakontakt und technischen Verfahren zur Kot-Harn-Trennung, um Emissionen zu reduzieren.

Land erprobt neue Haltungsformen

Der Stall soll bis 2023 stehen und besteht aus zwei Stallabschnitten mit 400 bzw. 290 Schweinemastplätzen. Dort soll erprobt werden, wie sich die Forderung nach mehr Tierwohl auch wirtschaftlich umsetzen lässt. Schon heute ist aber sicher, dass die veranschlagten knapp drei Millionen Euro für den Bau nicht ausreichen werden.

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Die Unsicherheit sorgt nicht nur für weniger Investitionen, es geben auch immer mehr Landwirte komplett auf: Im Kreis Paderborn ist die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in den vergangenen zehn Jahren um drei Prozent auf nun 1.494 gesunken und im Kreis Soest um 2,3 Prozent auf 1.431. 

Wie soll Schweinemast in Zukunft? Erprobt wird dies nur wenige Kilometer entfernt vom NR-Land in Bad Sassendorf (Kreis Soest), wo die Landwirtschaftskammer NRW den „Stall der Zukunft“ plant. Bis 2023 soll der Bau fertig sein.
Modellgrafik: Landwirtschaftskammer NRW

Die meisten Betriebe gibt es südlichen Paderborner Land: In Bad Wünnenberg halten 144 Betriebe 11.870 Tiere und nutzen 7.207 Hektar Fläche, in Büren 134 Betriebe 11.702 Tiere und 8.238 Hektar Fläche. 

Wie die Ställe in Zukunft aussehen könnten, hat auch die von der Bundesregierung geschaffene Borchert-Kommission in einer Studie vorgelegt, die die schwarz-rote Bundesregierung damals noch beauftragt hat. Nach den Haltungsformen der Supermärkte definiert, sollen alle Tiere bis 2040 in den Stufen 2 bis 4 gehalten werden. 

Die Umbaukosten sollen die Erzeuger zu 80 bis 90 Prozent ausglichen bekommen, finanziert aus einer Verbrauchssteuer von 40 Cent pro Kilogramm Fleisch, zwei Cent pro Kilogramm Milch, Eier und Frischmilchprodukte sowie 15 Cent pro Kilogramm Käse, Butter und Milchpulver.

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In Gesetze gegossen ist das Ganze noch nicht. Die neue Bundesregierung aus SPD, Grünen und FDP verfolgt teilweise andere Ziele. 

Mehr Gegenwehr durch die Bevölkerung

Auch für den investitionsbereiten Landwirt, der sich an die NR gewendet hatte, eine große Unsicherheit: „Schon die Planung dauert viele Monate. Eine solche Investition ist auf Jahre ausgelegt.“ Ein Problem, dass auch Banken sehen und sich mit Krediten zurückhalten. 

Auch der Widerstand der Bürger gegen große Stallanlagen wächst: Zuletzt hatten die Grünen in Bad Wünnenberg Proteste gegen den Bau einer Hähnchenmastanlage angestoßen und sogar eine Petition beim Landtag eingereicht.

Auch ein Landwirt, der im Salzkottener Ortsteil Mantinghausen den Bau von Schweinemastanlagen plant, muss mit Widerstand der Bevölkerung rechnen.

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Umweltschützer wie Greenpeace, Fridays for Future und die Grünen wollen die Landwirtschaft weitgehend auf Bio-Lebensmittel umstellen. „Die Kontrolle ist hier besser als der TÜV beim Auto“, so Bernhard Rüb. Die Ökoverordnung sieht vor, dass sich nicht nur nachvollziehen lässt, wo welches Fleisch herkommt, sondern auch genau definiert ist, welches Futter die Tiere bekommen. Die aufwendige Nachvollziehbarkeit und Kontrolle macht Bio-Produkte aber mitunter auch so teuer. 

Im Kreis Paderborn wirtschaften aktuell 105 Betriebe, also rund sieben Prozent, ökologisch und das auf 7,5 Prozent aller Flächen im Kreis. Im Kreis Soest sind lediglich 3,4 Prozent der Betriebe und 3,6 Prozent der Flächen auf Bio-Landwirtschaft umgestellt.

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