arrow_back
Eine erstaunliche Frau, die ihren Weg hart erkämpft hat: Dr. Maria Müntefering.
Geseke

Gesekes erste Ärztin berichtet von ihrem langen Kampf zum Traumberuf

Dienstag, 23. November 2021 von Heike Tebbe

Sie war die erste Frau, die sich in Geseke als Ärztin niederlassen durfte und in gewisser Weise eine Vorreiterin der Emanzipationsbewegung: Dr. Maria Müntefering, eine Bauerstochter aus Steinhausen, kämpfte sich in den Nachkriegsjahren mit unglaublicher Energie und Willenskraft in ihren Beruf. Am 27. November wäre Maria Müntefering 100 Jahre alt geworden. Ein guter Grund, diese interessante Persönlichkeit der Geseker Stadtgeschichte noch einmal ins Licht zu rücken und einen Blick zurück zu werfen auf eine Zeit, in welcher der Arztberuf von ganz anderen Themen geprägt war als heute.

„Sie war ein toller Mensch, ist gerne gereist, hat viel gelesen – aber ihr Beruf war ihre Berufung, ihr Leben“, erinnert sich ihr Berufskollege und Praxisnachfolger Rudolf Hambach. Er lernte Maria Müntefering als junger Assistenzarzt im Geseker Krankenhaus kennen. Zu der Zeit hatte Maria Müntefering bereits seit Jahrzehnten eine eigene Praxis, zunächst in der Rosenstraße, später in der Cyriakusstraße. Doch der Weg dahin war steinig.

Anzeige

Das begann schon mit der Schulausbildung: Nur mit viel Energie und Ausdauer konnte die junge Maria ihren Vater überzeugen, sie auf die Oberschule in Büren – das heutige Mauritiusgymnasium – gehen zu lassen. Hineingeboren in die Familie eines Landwirtes mit großem Bauernhof, lag ihre Zukunft eigentlich in der Haushaltsführung und Mitarbeit auf dem Hof, schreibt ihre Nichte Kornelia Vonnahme-Engel, die die Lebensgeschichte ihrer Tante rekonstruiert hat.

Auch der Weg ins Studium stand voller Hindernisse: Eine Berufstätigkeit wurde in dieser Zeit – es waren die Kriegsjahre – eigentlich nur als Überbrückung bis zur Heirat und Mutterschaft betrachtet. Doch auch hier setzt Maria sich durch und beginnt 1941 – mitten in den Kriegsjahren – ihr Studium, das sie nach Freiburg im Breisgau, Marburg und nach dem Krieg nach Münster führt.

Anzeige

Kampf um den Kassensitz

Nach ihrer Promotion im Jahr 1948 arbeitet sie mit Dr. Schwering am Geseker Krankenhaus zusammen, später in der Praxis von Dr. Norbert Rotermund in der Rosenstraße – alte Geseker werden beide Namen noch kennen. Als Dr. Rotermund ins Gesundheitsamt Lippstadt wechselt, schreibt Dr. Maria Müntefering eine Bewerbung
um einen Kassensitz an die Kassenärztliche Vereinigung (KV).

Mancher Geseker wird sich noch an das Haus in der Cyriakusstraße erinnern, in dem Dr. Maria Müntefering nicht nur wohnte, sondern auch ihre Arztpraxis führte. Foto: Privat

Damals – Anfang der fünfziger Jahre – gab es fünf praktische Ärzte mit der Zulassung für alle Krankenkassen in Geseke, aber keine einzige Ärztin. Doch die KV lehnt trotzdem ab: Die Entscheidung über die Verlängerung des Kassensitzes Rotermund sei noch nicht gefallen.

Damit beginnt für Maria Müntefering ein aufreibender Kampf. Kleine Randbemerkung: Zu der Zeit durfte eine Frau kein eigenes Konto eröffnen. Also holte ihr Vater den guten Anzug aus dem Schrank, fuhr mit dem Kutschwagen zur Bank nach Geseke und erledigte dort die Formalitäten für seine studierte Tochter.

Am 1. Dezember 1953 kann sie die Rotermund-Praxis endlich übernehmen. Noch heute ziert ein goldener Aeskulap-Stab die Hausfront und weist auf die Geschichte des Hauses hin.

Anzeige

Viele Patienten werden umsonst behandelt

Maria Müntefering hat jetzt zwar eine Niederlassung sowie die Zulassung der Ersatzkassen, ist aber noch nicht für alle Krankenkassen zugelassen, da jede Kasse ihre eigenen Bestimmungen hatte. Der Grund: Kriegsrückkehrer und männliche Ärzte mit eigener Familie hatten Vorrang. Sie hingegen war „nur“ eine unverheiratete 33-jährige Frau. Im Falle einer Heirat hätte ihr Mann ihr sogar verbieten können zu arbeiten oder auch größere Anschaffungen zu tätigen – bis 1977 gab es dieses Gesetz.

Eine erstaunliche Frau, die ihren Weg hart erkämpft hat: Dr. Maria Müntefering.

Ihr Argument, es gäbe in Geseke keine weibliche Kassenärztin, kann das Gremium nicht überzeugen. Für die junge Ärztin bedeutet dies: Sie kann zwar Patienten aller Kassen behandeln – bekommt aber für Versicherte der AOK und weiterer großer Krankenkassen kein Honorar. Besonders im Wochenend-Dienst behandelt sie jetzt viele Patienten umsonst. Erst fünf Jahre später, am 22. August 1958, erhält sie dann endlich die Zulassung zur Abrechnung mit allen Kassen.

„Legte ihr Herzblut in die Arbeit“

Von jetzt an läuft die Praxis, die 1968 in ihr neu gebautes Haus in der Cyriakusstraße verlegt wird. Fast 20 Jahre lang ist sie hier alleine als Hausärztin tätig, bevor 1986 Rudolf Hambach einsteigt und die beiden die Praxis als Gemeinschaftspraxis weiterführen. Bis 1991 übte „Frau Doktor“ ihren Beruf aus.

„Sie war eine Ärztin, wie es nur wenige gibt. Sie legte ihr ganzes Herzblut in ihre Arbeit,“ erinnert sich Rudolf Hambach.
Dr. Maria Müntefering verstarb am 1. Februar 2001 nach einem aufregenden Leben – ein Leben, das so weit weg scheint von unserer heutigen Realität und doch erst wenige Jahre zurückliegt.

Anzeige
AGB Impressum Datenschutz Kontakt
close
In die Zwischenablage Instagram Whatsapp E-Mail