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Foto: Shutterstock
Der Vater infizierte sich im Skiurlaub in Ischgl mit dem Corona-Virus. Seitdem ist die Familie aus Salzkotten in Quarantäne und freut sich, vielleicht dieses Wochenende wieder raus zu dürfen.
Thema der Woche

Familie berichtet: „Wir hatten Corona und sind geheilt“

Sonntag, 5. April 2020 von Franz Purucker

Sie zählten zu den ersten Corona-Fällen im NR-Land. Zum Schutz der Familie nennen wir sie im Text „Schneider“. Die vierköpfige Familie mit Kindern im Alter von fünf und 14 Jahren wohnt in einem Einfamilienhaus mit Garten in Salzkotten und wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich mit ihrer Hündin raus gehen zu dürfen.

Am Mittwoch, 11. März, kommt der 47-jährige Familienvater aus Ischgl vom Skifahren zurück, fühlt sich zunächst gut. Währenddessen gehen bereits die ersten Corona-Fälle aus dem österreichischen Ort durch die Medien, der Mann übernachtet deshalb zunächst auf dem Dachboden.

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Als seine Frau das Gesundheitsamt in Paderborn kontaktiert, wird sie beruhigt: Wenn ihr Mann keine Symptome hätte, könne er auch arbeiten gehen. Außerdem weist die Dame am anderen Ende der Leitung auf die Schulpflicht hin. Die Familie hat die Kinder trotzdem zu Hause gelassen. Zum Glück, muss man heute sagen.

Das ewige Warten auf das Testergebnis

Erst am 16. März – also fünf Tage nach der Rückkehr – wird der 47-Jährige getestet, muss aber ewig aufs Ergebnis warten. „Uns wurde gesagt, wir werden nur informiert, wenn der Test positiv ist“, so die 42-jährige Frau des Betroffenen.

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Meike Delang, Sprecherin des Kreises Paderborn, teilt auf NR-Anfrage mit, dass das Gesundheitsamt nur bei positiven Tests informiere. Jeden zu benachrichtigen, schaffe das Amt schon personell nicht. Grundsätzlich wird das Testergebnis durch den Hausarzt übermittelt.

So war es auch bei den Schneiders. Erst am 23. März – also sieben Tage später – erfuhren sie vom positiven Testergebnis. Zu diesem Zeitpunkt war der Familie schon klar, dass es Corona sein musste. „Mein Mann ist sonst nie krank, hatte aber 38,7 Grad Fieber und Husten“, erzählt die Frau. Das Gesundheitsamt rät, dass der Mann abgeschottet werden soll. „Wie soll das gehen? Wir haben kein Riesenhaus“, fragt sich die 47-Jährige.

Wenig später ist auch sie betroffen, hat ein Corona-typisches Symptom: Sie schmeckt und riecht nichts mehr. „Ich konnte Tabasco trinken. Außer ein wenig Brennen im Hals, habe ich davon nichts bemerkt“, so die Frau.

Einen Test bei ihr lehnt das Gesundheitsamt ab. Die Symptome reichen als Nachweis. Meike Delang sagt: „Jeder, der Kontakt mit Infizierten hatte, wird getestet.“ Sie vermutet dass die Frau durch das Raster gerutscht ist.
Einige Mitfahrer der Skiausfahrt merken trotz positiven Tests nichts von dem Virus. „Der eine war vor dem Test noch Joggen, ein anderer hat aus Langeweile seinen Garten umgegraben.“

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Die großen Herausforderungen unter Qurantäne

Inzwischen ist die Familie seit 25 Tagen in Quarantäne und kann wohl behaupten: „Wir hatten Corona und sind geheilt.“ Die größte Herausforderung der Familie ist der Familienhund. „Der Hund macht sein Geschäft nicht im Haus.“ Einmal am Tag nehmen Bekannte den Vierbeiner für 1,5 Stunden für eine Gassirunde entgegen. „Am Nachmittag mussten wir jeden Tag 1,5 Stunden mit ihm im Garten hin und her laufen.“

Weitere Herausforderungen: Die Post. Wichtige Briefe, wie die Krankschreibung, mussten an den Arbeitgeber verschickt werden, der Weg zum Briefkasten ist aber verboten.

Als der 47-Jährige am Wochenende nach dem Test Probleme mit der Atmung bekommt, verlangt dieser ein Bronchienerweiterer. Das Gesundheitsamt verweist auf den kassenärztlichen Notdienst (Tel. 116 117), der jedoch nicht helfen kann, weil Medikamente nur abgeholt werden können. Einziger Ausweg wäre die Abholung des Patienten durch den Rettungsdienst und die Einweisung ins Krankenhaus gewesen.

Die Lebensmittelversorgung klappte recht gut: In weiser Voraussicht hatte die 42-Jährige Frau kurz vor der Rückkehr ihres Mannes einen Großeinkauf gemacht. Frische Lebensmittel werden seitdem von Nachbarn und Bekannten vor die Tür gestellt, Brot und Brötchen liefert täglich eine Bäckerei an die Haustür.

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Im Kreis Paderborn stehen etwa 700 Menschen unter Quarantäne

Quarantäne-Fälle wie die Schneiders gibt es im Kreis Paderborn aktuell rund 700. In den offiziellen Zahlen, die täglich zwischen 16 und 17.30 Uhr vom Gesundheitsamt bekannt gegeben und in unserem Nachrichtenportal NRplus.de veröffentlicht werden, sind nur die positiv getesteten genannt. Bei den Schneiders ist das lediglich der Mann – in Quarantäne steht aber die ganze Familie.

Die Schneiders hoffen, dass sie bald wieder raus dürfen, denn sie sind inzwischen symptomfrei. Die Quarantäne verlassen dürfen die aber erst, wenn sie offiziell negativ getestet sind. Ist das Virus noch nachweisbar, wird die Quarantäne um 14 Tage verlängert. Bei einem Negativ-Test könnte der 47-jährige Mann wieder arbeiten, Frau und Kinder sollten sich dann häuslich isolieren. Allerdings führt eine Heilung wohl auch zur Immunisierung.

Tests in Paderborn und Hövelhof möglich

Am Donnerstag ging es für die vier Salzkottener nach Hövelhof zum Test. Hier sollen die Ergebnisse – so hat die Familien gehört – schneller gehen als in der Alanbrook-Kaserne in Paderborn, wo das Gesundheitsamt ein Testzentrum eingerichtet hat. Getestet wird nur mit Überweisung vom Hausarzt oder bei bestätigten Corona-Fällen, wie den Schneiders.

Aber: „Mitarbeiter der systemrelevanten Berufe testen wir mit höherer Priorität“, so die Sprecherin des Kreises Paderborn. Dazu zählen beispielsweise Rettungssanitäter, wenn sich im Nachgang herausstellt, dass der Patient infiziert war.

Seit Mittwoch können in Paderborn bis zu 130 Personen täglich auf Corona getestet werden. Am späten Freitagabend meldete sich die Familie überglücklich mit einer Sprachnachricht in der Redaktion. Alle sind negativ getestet worden und können somit wieder ihr Haus verlassen.

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