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Foto: Franz Purucker
Gerd Schulte war 1993 der erste Geseker mit Photovoltaikanlage auf dem Dach. Anfangs alles andere als lukrativ, dann üppig gefördert und nun abgeschaltet. Und das, obwohl die Anlage durchaus noch Strom liefern könnte.
Thema der Woche

Erste Geseker Solaranlage nun abgeschaltet, obwohl sie weiter Strom produzieren würde

Samstag, 3. April 2021 von Franz Purucker

Wer heute eine Solaranlage ans Netz schaltet, erhält dafür rund sieben Cent pro Kilowattstunde. Eine Kleinigkeit – im Vergleich zu den 51 Cent, die Gerd Schulte erhalten hat.

Der Hintergrund ist die Änderung des Erneuerbare Energien-Gesetztes (EEG) und der fortgeschrittene Ausbau.
Strom kostet heute je nach Anbieter zwischen 28 und 35 Cent pro Kilowattstunde. Diesen Strom kauft der Anbieter an der Leipziger Strombörse oder direkt bei einem Lieferanten, also beispielsweise einem Solarpark. Da das Angebot an Ökostrom inzwischen riesig ist, liegt der Preis nur bei wenigen Cent.

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Um den Ausbau erneuerbarer Energien am Laufen zu halten, hat der Gesetzgeber die EEG-Umlage geschaffen, die jeder Stromkunde zahlt. Diese macht rund ein Fünftel des Strompreises aus und muss von jedem Nutzer gezahlt werden.

Die Einnahmen aus dieser Umlage werden genutzt, um die Lücke zu schließen. Gerd Schulte erhielt 51 Cent, obwohl der Strom an der Börse nur mit vier Cent gehandelt wurde. Die fehlenden 47 Cent wurden über die EEG-Umlage finanziert.

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Mit dieser garantiert der Gesetzgeber den Betreibern von Fotovoltaik-, Windkraft und anderen grünen Stromquellen eine garantierte Vergütung.

Wo es noch wenige Anbieter gab, wie zu der Zeit, als der Geseker seine Anlage angeschafft hat, waren diese Zuschüsse recht üppig, wodurch sich die Investition rasch rentiert hatte.

Mit jeder neuen Photovoltaikanlage wird mehr Geld aus dem Topf der EEG-Umlage benötigt. Dadurch sinkt die garantierte Vergütung. Seit April liegt diese je nach Anlagengröße zwischen 5,36 Cent und 7,81 Cent je Kilowattstunde.
Immerhin: Allein im NR-Land gibt es inzwischen fast 5.000 Photovoltaikanlagen – die meisten in Salzkotten und Büren (siehe auch Diagramm).

Das heißt auch: Die garantierte Vergütung wird weiter sinken. Die Städte versuchen unterdessen mehr Bewohner und Unternehmen dazu zu bringen, mehr Photovoltaikanlagen zu bauen oder investieren selbst: Die Klimaschutzmanagerin in Salzkotten, Petra Tesche-Soeberdt, spricht vor allem Unternehmen an, um auf deren Dächern PV-Anlagen zu installieren. Der Energieatlas NRW sieht dort Potenzial für 130 Gigawattstunden.

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In Geseke wollten die Grünen Photovoltaik auf Neubauten vorschreiben. Im Umweltausschuss einigten sich die Fraktionen auf mehr Unterstützung der Bauherren, um zum Bau von PV-Anlagen zu motivieren. Von städtischer Seite sind solche Anlagen auf dem erweiterten Bauhof und den Dächern der Schulen geplant.

Ideal für Haushalte: Strom selbst nutzen statt einzuspeisen

Photovoltaikanlagen zum Einspeisen ins öffentliche Netz lohnen sich heute nur noch für große Anlagen. Die größte Anlage steht in Büren und verfügt über eine Leistung von 9.600 Kilowatt Peak, was ausgehend vom deutschen Durchschnitt einer Leistung von rund 9,6 Millionen Kilowattstunden entspricht – also dem Strom für 3.200 Haushalte.

Auch für Privathaushalte mit verhältnismäßig kleinen Anlagen kann sich der Einstieg aber weiterhin lohnen, meint Arno Franke, Vertriebsleiter beim Bürener Unternehmen PS Ennogy, das sich auf den Bau von Photovoltaikanlagen spezialisiert hat: „Wer heute eine Solaranlage baut, würde den Strom versuchen, selbst zu nutzen.“ Denn: Der Bau von Photovoltaikanlagen wird heute nicht mehr gefördert.

Statt Strom teuer zu kaufen, ist es aber lukrativ, den Strom aus der eigenen Photovoltaikanlage zu speichern. Entsprechende Akkus werden bezuschusst. Diese speichern den Strom vom Tag, um diesen beispielsweise am Abend zu verbrauchen, wenn gekocht wird oder der Fernseher läuft. „Wir haben Kunden, die decken 90 Prozent ihres Strombedarfes über die eigene PV-Anlage“, so Franke.

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Viele Eigentümer aus der Förderung fallender PV-Anlagen entscheiden sich deshalb für den Umbau von der Netzeinspeisung auf Akkueinspeisung. Im Fall von Gerd Schulte fielen dafür jedoch in der hauseigenen Elektrik hohe Umbaukosten an.

Die SPD in Geseke wollte da helfen und hatte vorgeschlagen, dass die Stadtwerke Geseke den Strom von ausgelaufenen Anlagen aufkaufen und attraktiv vergüten könnten.

Rechtlich möglich ist das. Jedem Betreiber steht es grundsätzlich frei, den Strom nicht an den Verteilnetzbetreiber vor Ort, im Falle von Geseke, Büren und Bad Wünnenberg ist das die E.On-Tochter Westnetz, in Salzkotten die Westfalen-Weser-Energie – zu verkaufen.

Mehrere Betriebe haben bereits mit solchen sogenannten Regionalstrommodellen experimentiert, unter anderem die Stadtwerke Soest. Der große Durchbruch ist damit aber nicht gelungen.

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Auch Hans-Jürgen Kayser, Geschäftsführer der Stadtwerke Geseke, winkt ab: „Es handelt sich um viel zu wenige Anlagen in Geseke, um dies wirtschaftlich zu betreiben.“ Das Problem sei zudem, dass nur wenige Endkunden bereit sind, für lokalen Ökostrom mehr zu zahlen als den normalen Marktpreis.

Eine kostengünstige Möglichkeit der Umrüstung gäbe es für Herrn Schulte aber noch: Die PV-Anlage könnte den Strom direkt in eine Wallbox für E-Autos leiten, die außerdem gefördert wird. Laden könnte er aber mit der alten Anlage nur dann, wenn die Sonne scheint. Eine Überlegung, die für den 70-Jährigen durchaus infrage kommt, der aktuell noch einen Verbrenner fährt. Bis dahin bleibt die alte PV-Anlage abgeschaltet.

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