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Apothekerin gibt an eine Kundin die Anti-Baby.Pille und die Pille danach heraus.
Foto: Franz Purucker
Apothekerin Dagmar Volmer berät eine Kundin, die nach der „Pille danach“ verlangt. Da es sich dabei um eine „Notfallverhütung“ handelt, empfiehlt die Inhaberin der Geseker Sonnen-Apotheke die „normale“ Pille (in ihrer Hand).
NR-Land

Anti-Baby-Pille wird 60: Geseker Apothekerin beobachtet eine Entwicklung mit Sorge

Sonntag, 16. August 2020 von Franz Purucker

Mit hochrotem Kopf sitzt Renate S. aus Geseke in Begleitung einer Freundin beim Hausarzt und kriegt kein Wort heraus. „Ich sehe doch, was sie bedrückt“, sagt der Mediziner und verschreibt der dreifachen Mutter die Anti-Baby-Pille als Rezept.

„Meine Freundin und ich sind dann in die nächste größere Stadt gefahren, wo uns niemand kannte, und haben dort das Rezept eingelöst. Es war so peinlich“, erzählt die heute 86-Jährige. Inzwischen ist die Gesellschaft offener, aber auch experimentierfreudiger geworden.

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Hochpeinlich ist die Einlösung eines solchen Rezeptes heute wohl niemanden mehr – ganz im Gegenteil. Dagmar Volmer von der Geseker Sonnen-Apotheke ist seit 25 Jahren als Apothekerin tätig und hat durchaus einen Wandel festgestellt: „In meinen ersten Jahren als Apothekerin haben die Frauen damit gewartet, bis sie volljährig waren und haben sich dann ohne Wissen der Eltern das Rezept beim Arzt geholt“, so Volmer.

Gilt das Verhütungsverbot der Kirche immer noch?

Zur Einführung der Pille am 18. August 1960 – also vor ziemlich genau 60 Jahren – sorgte für einen deutlichen Rückgang der Geburten. Es war das erste orale Verhütungsmittel auf Hormonbasis und wurde besonders von der katholischen Kirche verteufelt. Jede Form „künstlicher Verhütungsmittel“ wird durch die Katholiken abgelehnt – nicht aber die „natürliche“ Verhütung durch Beachtung des weiblichen Fruchtbarkeitszyklus.

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Seit 1968 gilt aber der Zusatz, dass die Umstände einer Geburtenregelung von den Ehepartnern „in gewissenhafter Prüfung nach objektiven Normen und Kriterien gesucht und gefunden werden“. Außerdem haben sich die Päpste Benedikt XVI. und Franziskus für moralische Abwägungen im Einzelfall ausgesprochen.

Heute wird über die Verhütung – zumindest außerhalb der Kirche – offen im Elternhaus gesprochen. Viele Mütter haben Sorge, dass ihre Sprösslinge ungewollt schwanger werden und kümmern sich rasch um die Pille, wenn der erste feste Freund vor der Tür steht. „Das Rezept löst dann oft die Mutti für ihre Tochter bei uns ein“, so Volmer.

Auch das Alter, ab wann die Anti-Baby-Pille geholt wird, sinkt kontinuierlich: „Vereinzelt geben wir schon an Unter-14-Jährige die Pille“, berichtet die Apothekerin.

Eine andere Entwicklung findet die Gesekerin bedenklich: Neben der Pille zur Verhängnisverhütung wird immer öfter auch nach der „Pille danach“ gefragt. Allein im vergangenen Jahre wurde diese 40 Mal in der Geseker Sonnen-Apotheke abgeholt. „Ich habe manchmal den Eindruck, dass sich Frauen die Pille sparen wollen, wenn sie keinen festen Partner haben und im Notfall auf die Pille-danach zurückgreifen.“

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Die „Pille danach“ ist nicht so sicher wie die Pille oder das Kondome. „Es ist ein wirksames Medikament, dass auch Nebenwirkungen haben kann. Es ist aber nur zur Notfallverhütung und nicht zur normalen Verhütung gedacht“, so Volmer.

Seit gut fünf Jahren ist dafür kein Rezept vom Arzt mehr nötig. Mit ärztlichem Rezept kann die „Pille danach“ jedoch auf Kosten der Krankenkasse in der Apotheke gekauft werden. Frauen unter 14 Jahren benötigen die Zustimmung ihrer Eltern.

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