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Aufzieher einer Spritze zur Impfung
Foto: Franz Purucker
Praxismanagerin Susanne Bandorski zieht eine Spritze mit dem Impfstoff von AstraZeneca auf. Die MFA Verena Seidensticker und die Ärztin Brigitte Schäfer kümmern sich dann später um die Impfung selbst und die entsprechende Dokumentation im Impfausweis.
Thema der Woche

Ärzte im Ausnahmezustand: Hunderte wollen einen Impftermin

Dienstag, 18. Mai 2021 von Franz Purucker

(Fortsetzung von Seite 1)

Die Bad Wünnenberger Praxis von Dr. Thomas Bandorski schiebt in diesen Tagen Sonderschichten. Neben den regulären Impfterminen an zwei bis drei Tagen der Woche gibt es jeweils Samstags die Möglichkeit, sich impfen zu lassen. Allein am vergangenen Samstag wurden hier 300 Menschen geimpft.

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Den Aufklärungsbogen haben die meisten Patienten bereits zu Hause gelesen und unterschrieben. Im Obergeschoss heißt es dann, kurz Platz nehmen und warten, bis man an der Reihe ist, während die Schwestern im Impfpass bereits die Impfung dokumentieren. „Hauptsache der Stempel ist im Impfpass“, sagt einer der jungen Männer. Angst vor Corona hat er nicht, aber er will seine Rechte wieder haben. Ob er wirklich geimpft wird, ist ihm eigentlich egal – Hauptsache er hat einen Nachweis.

Für viele junge Menschen ist die zurückgewonnene Freiheit der größte Antrieb für die Impfung. Wer vollständig immunisiert ist, für den entfällt die Testpflicht vorm Shopping oder dem Friseurbesuch. Ausgangssperre und Kontaktbeschränkungen fallen weg. 

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Schnelle Immunisierung oder hoher Wirkungsgrad?

Im Aufklärungsgespräch weist die Ärztin Brigitte Schäfer daraufhin, dass für eine hohe Wirksamkeit die Zweitimpfung bei AstraZeneca erst in zwölf Wochen empfohlen wird – möglich ist dieser aber bereits nach vier Wochen. „80 Prozent warten diese Zeit ab. Vor allem Menschen zwischen 20 und 30 wollen aber schnell ihre Freiheit zurück und holen sich bereits in vier Wochen einen Termin zur Zweitimpfung“, so Bandorski.

Grundsätzlich empfiehlt er den Impfstoff allen. Lediglich Frauen unter 30 würde er zu einer Impfung mit Biontech raten. Auch da gibt es Ausnahmen: Kürzlich kam eine Studentin Ende 20 zu ihm in die Praxis, die für einen Auslandsaufenthalt dringend eine Impfung benötigt. Da der Biontech-Impfstoff weiterhin der Priorisierung unterliegt, kann er ihr nur AstraZeneca anbieten.

Die Impfpriorisierung zum jetzigen Zeitpunkt findet Bandorski falsch: „Dass wir am Anfang nur die Über-80-Jährigen und in den Heimen geimpft haben, war richtig, denn diese Menschen hatten keine Chance. Aber jetzt wird die Impfkampagne nur unnötig ausgebremst.“

Hinzu kommen einige Priorisierungsgründe, die sich kaum nachweisen lassen. So können Menschen über 70 und schwangere zwei Kontaktpersonen angeben, die nun vorrangig geimpft werden.

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Für alle anderen bleibt nur AstraZeneca und mittelfristig der nun freigegebene Johnson & Johnson-Impfstoff, der aber vorerst ausschließlich in sozialen Brennpunkten, an Obdachlose und Asylbewerber verimpft wird. 

Dr. Thomas Bandorski hat sich selbst zwei Mal mit AstraZeneca impfen lassen: „Es wird ein alt-bewährtes Verfahren genutzt“, erklärt der Mediziner: Harmlose Adenoviren helfen dabei, einen kleinen Teil des Erbguts des neuartigen Coronavirus in die Körperzellen zu transportieren. Dieser Erbgutschnipsel löst eine Kette von Prozessen aus, an deren Ende die Zelle Spike-Proteine des Coronavirus selbst herstellt.

Beim mRNA-Impfstoff wird der genetische Bauplan für Erreger-Antigene in menschliche Zellen eingeschleust. Die Zellen bauen dann anhand dieser Anleitung selbst die Antigene zusammen.

Insgesamt sagt Bandorski aber: „Jede Impfung ist besser als keine Impfung.“ Seine Praxis behandelt auch mehrere Patienten mit Covid19-Folgeschäden: „Viele Patienten leiden über neun bis zwölf Wochen unter geringer Leistungsfähigkeit, Müdigkeit und Konzentrationsschwächen.“ 

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Erstimpfungstempo wird gedrosselt

Deshalb will seine Praxis weiterhin unter Volllast impfen. In den nächsten Wochen wird das Tempo der Erstimpfung aber ein wenig abnehmen: Die ankommenden Biontech/Pfizer Impfdosen werden zunächst für Zweitimpfungen benötigt.

Ausreichend Impfstoff hingegen bekommen wohl weiterhin die Impfzentren, die für den Steuerzahler unterm Strich aber deutlich teurer als die Hausärzte sind: Impfärzte verdienen dort 120 Euro pro Stunde, während die Hausärzte lediglich 20 Euro pro Impfung erhalten. Für viele Hausärzte rechnet sich das nur durch die Masse. 

Eine Anfrage der Neuen Regionalen, wie hoch die Kosten des Salzkottener Impfzentrums sind, ließ das Gesundheitsministerium unbeantwortet.

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