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Eine Frau mit KInd auf dem Arm aus dem Flüchtlingslager Moria.
Foto: Shutterstock (Symbolfoto)
Thema der Woche

Acht Flüchtlinge erzählen ihre Geschichte: So kamen sie ins NR-Land

Samstag, 26. Juni 2021 von Franz Purucker

Sechs Jahre ist die große Flüchtlingswelle von 2016 her. Doch was wurde aus den Flüchtlingen und welche Migranten sind neu hierher gekommen. Was sind die Pläne im NR-Land? Wir haben acht Flüchtlinge gefragt und uns ihre Geschichte erzählen lassen.

Wie ein Asylverfahren abläuft und die Situation im NR-Land heute ist, haben wir übrigens in diesem Artikel zusammengestellt.

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Vom Flüchtling zum Asylberater: Hassan Taha

Hasan Taha lebt heute in Geseke. Foto: Franz Purucker

Hassan Taha hatte gerade sein Soziologie-Studium in Aleppo abgeschlossen, als er 2012 zum Wehrdienst eingezogen und an den Seiten der syrischen Armee kämpfen soll. Doch der junge Mann entscheidet sich, seine Heimat zu verlassen kommt über die Türkei nach Bulgarien. „Mit mehr als 40 Personen wurde ich in einen etwa vier Mal sechs Meter großen Raum gesperrt.“ Sein Ziel ist jedoch Deutschland.

Taha macht sich als Dolmetscher einen Namen, erlangt das Vertrauen der bulgarischen Behörden. Ihm gelingt die Entlassung und die Aufnahme ins Flüchtlingscamp, wo er sechs Monate bleiben muss.
Über einen Schlepper kommt er 2015 nach Deutschland. Sein Asylantrag wird mit Verweis auf das Dublin-Verfahren abgelehnt.

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Doch Taha gibt nicht auf, lernt mithilfe von Awo, Youtube-Videos und selbst bezahlten Kursen Deutsch, arbeitet als OGS-Betreuer in Lippstadt und klagt.

Bis April 2017 erreicht er das Sprachniveau C1 und gibt bei der Bund Jugend NRW Schulungen zu Flucht und Migration. Das Gericht stuft die Abschiebung nach Bulgarien als schwere Hürde ein. Seit 2018 ist sein Asyl anerkannt, seit diesem Jahr ist er eingebürgert. „Ich war sehr glücklich“, so der 34-Jährige.

Seine inzwischen nachgekommene Frau, mit der er in Deutschland eine Tochter großzieht, absolviert nun einen Sprachkurs. Im gleichen Jahr beginnt Taha als Flüchtlingsberater in Lippstadt, später in Rüthen und seit April in Geseke und Lippstadt zu arbeiten.

Seine Eltern hat er seit sieben Jahren nicht gesehen. Ihr ein Jahr altes Enkelkind kennen sie nur aus Telefonaten. Für ein gemeinsames Treffen, welches wegen des nötigen Visums nur im Sudan, Beirut oder Irak möglich wäre, fehlt der Familie das Geld. Großer Dank geht an Frau Tak und Herrn Drucks.

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Vertrieben vom Islamischen Staat: Saad Alkheder

Saad Alkheder  Bad Wünnenberg
Saad Alkheder fährt Pizza in Bad Wünnenberg aus. Foto: Franz Purucker

In seiner Heimat Irak war Saad Alkheder Polizist, sagt selbst, dass er ein gutes Einkommen hätte. Doch am 3. August 2014 eroberte der IS seine Heimatstadt Mossul. Jesiden wie ihm droht die Ermordung. Tausende werden verschleppt.
Zunächst flüchtet er mit seiner Familien nach Kurdistan im Norden des Iraks, doch die Lage spitzt sich weiter zu. Der IS rückt immer näher.

Es gibt nur einen Ausweg – weg aus dem Irak. „Wir haben alles zurückgelassen. Unser Haus, unser Geld und alle Wertsachen. Wir hatten nichts mehr.“

Über die Türkei und Bulgarien machte sich der junge Mann mit seiner ein Jahr jüngeren Frau und den beiden Kindern am 20. Juli 2015 auf den Weg nach Deutschland.

Nur 16 Tage später ist die Familie in Passau und erreicht nach mehreren Transfers Bad Wünnenberg. Der Familienvater erinnert sich an kleine Zimmer und wenig Platz.

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Seit 2017 sind er und seine Familie als Flüchtlinge anerkannt. Eine Ausbildung zum pharmazeutischen Assistenten bricht er ab. „Ich war fast der Einzige, der die Sprache nicht so gut konnte“, berichtet der 32-Jährige. Außerdem benötigt sein fünf Jahre alter Sohn seine Unterstützung, der unter mehreren Krankheiten leidet.

Aktuell fährt Saad Alkheder in Bad Wünnenberg Pizzas aus, will aber mittelfristig zu Bekannten nach Hannover umziehen, dort den Busführerschein absolvieren und in diesem Bereich arbeiten.

Familiennachzug Dank der Ehefrau: Eid Mustafa

Eid Mustafa Geseke
Eid Mustafa kam 2020 und lebt heute in Geseke. Foto: Franz Purucker

Die Frau von Eid Mustafa flüchtet im Zuge der großen Flüchtlingswelle 2015 nach Deutschland, der gelernte Laborant bleibt in Syrien zurück.

Erst 2020 kommt der 58-Jährige im Rahmen der Familienzusammenführung nach Deutschland. Eid Mustafa gelingt die Familienzusammenführung durch seine Ehefrau. Der Sohn ist zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt und war bereits mit der Mutter nach Deutschland gekommen.

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Eid Mustafa hat nur drei Monate Zeit, ein Visum in Beirut zu beantragen und die Reise mit einer Linienmaschine zu organisieren.

Aktuell absolviert der Syrer einen Deutschkurs, der wegen der Corona-Pandemie ´unterbrochen wurde und nun wieder beginnt.

Eine Job-Aussicht hat der 58-Jährige bereits: Ein Freund arbeitet in einem Labor in Düsseldorf, konnte die syrischen Zeugnisse bereits übersetzen und die Anerkennung durchsetzen.

Um in Deutschland eingebürgert zu werden, muss er zunächst das Sprachniveau B1 erreichen. Sein Wunsch an Deutschland, übersetzt von seinem Flüchtlingsberater, ist: „Gebt uns die Zeit, uns zu integrieren und die Sprache zu lernen. Wir wollen arbeiten und das Land voranbringen.“

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Jahrelang illegal in Italien: Febe Saghi

Febe Saghi aus Nigeria lebt nun in Salzkotten
Febe Saghi aus Nigeria lebt nun in Salzkotten. Foto: Franz Purucker

Febe Saghi verließ schon 2009 ihre Heimat Nigeria, als sie sich von ihrem Mann trennen will und ihr deshalb die Verfolgung droht. Sie flieht über das Mittelmeer nach Italien, wo sie zehn Jahre lang illegal über die Runden kommt und zwei Kinder bekommt. Was sie damals gemacht hat, darüber will die 36-Jährige nicht sprechen.

Die Schule blieb ihr in der Heimat verwehrt, sodass sie weder Lesen noch Schreiben kann. 2017 schafft sie es nach Deutschland, wo sie einen Asylantrag stellt, der inzwischen positiv entschieden wurde. Die zwei älteren Kinder haben aufgrund fehlender Pässen aus der Heimat aktuell nur eine Duldung.

Die Nigerianerin wurde in Deutschland zum dritten Mal Mutter. Nach der Absolvierung von zwei Sprachkursen arbeitet sie einige Monate in der Seniorenhilfe, wird dann aber krank. Die Ärzte entdecken einen Tumor.

Die Krankheit ist inzwischen überstanden und die Kinder besuchen Kita und Schule. Die 36-Jährige besucht nun einen B1-Sprachkurs und will danach wieder arbeiten.

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Vor 29 Jahren geflüchtet: Imran Ahmeds

Imran Ahmeds Büren
Imran Ahmeds aus Büren erhielt kein Asyl. Foto: Franz Purucker

Weil sich Imran Ahmed 1992 politisch in seiner Heimat Bangladesch engagierte, machte er sich viele Feinde. Seine Heimat gilt als „sicheres Herkunftsland“, ein Asylantrag fast unmöglich.

Im Jahr 2000 heiratete der 59-Jährige eine deutsche Frau und darf deshalb in Deutschland bleiben. Heute wohnt er in Büren und arbeitet bei einer Maschinenbaufirma in Bad Wünnenberg.

In der Initiative „Büren ist bunt“ engagiert sich Imran Ahmed für Flüchtlinge, hilft dabei, Fahrten zu organisieren und Behördentermine zu absolvieren. „Diese Flüchtlingsinitiative hatte einen großen Anteil an der Willkommenskultur in Büren“, lobt Bürgermeister Schwuchow.

Vor Beschneidung geflohen: Anne Marie Camara

Anne Marie Camara
Anne Marie Camara wohnt heute in Bad Wünnenberg

In ihrer Heimat Guinea drohte ihrer achtjährigen Tochter die Genitalverstümmelung. Anne Marie Camara will das nicht akzeptieren, versteckt sich zunächst mit ihrem Kind und flüchtet mithilfe von Bekannten und ohne Schulbildung 2018 nach Paris, wo sie nach Deutschland weiterreist.

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Inzwischen kann sie etwas lesen und schreiben, gibt sich aber kämpferisch: „Ich will die Sprache lernen und arbeiten.“ Das Asyl der 27-Jährige ist inzwischen anerkannt und sie absolviert nun einen Integrationskurs, der wegen Corona seit einem Jahr ruht.

In Deutschland hat sie ein zweites Kind bekommen und will eine Ausbildung in der Altenpflege absolvieren, mit der sie die „viele Liebe und Hilfe, die ich in Bad Wünnenberg erhalten habe, zurückgeben kann“.

Ehemann drohte ihr den Tod an: Nargiza Makhkamova

Margiza Makhkamovas
Margiza Makhkamovas Asyl-Verfahren läuft noch. Foto: Franz Purucker

20 Jahre ertrug Nargiza Makhkamova Demütigung und schlimmste Beschimpfungen, die bis zu Morddrohungen reichten. Dann flieht sie 2017 mit zwei ihrer Kinder nach Deutschland. Ihre zwei erwachsenen Söhne leben in Russland, sorgen für sich selbst.

Eine Rückkehr in die Heimat kann sie sich nicht vorstellen: „Dort gelte ich als gefallene Frau, finde keinen Schutz und keine Ruhe“, so Nargiza Makhkamova.

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In den nächsten Tagen erwartet sie das Ergebnis ihres Asyl-Antrages. Unterdessen hat sie bereits einen Sprach- und Integrationskurs bis zum Niveau B2 absolviert und parallel dazu ein Fernstudium zum Flüchtlings- und Integrationshelfer absolviert, könnte also in Zukunft Menschen in ähnlicher Lage unterstützen. Die 46-Jährige wohnt in Büren.

Ihr Sohn hat die 10. Klasse absolviert und beginnt nun eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. Ihre Tochter besucht die 8. Klasse der Bürener Gesamtschule.

Als Journalist verfolgt: Naseer Alshabani

Naseer Alshabani arbeitet als Grafikdesigner
Naseer Alshabani arbeitet als Grafikdesigner. Foto: Franz Purucker

Eigentlich hatte Naseer Alshabani im Irak ein gutes Leben. Er arbeitet als Grafikdesigner, lehrte als Kunstlehrer und ist als Fotojournalist tätig. Letzteres wurde ihm zu Verhängnis. Er macht Fotos einer militanten Organisation, die unschuldige Menschen ermorden will.

„Ich musste so schnell wie möglich weg“, sagt Naseer Alshabani. Mitternacht flieht der studierte Grafikdesigner mit seiner im siebten Monat schwangeren Frau und den zwei Kindern in die Türkei. Mehr als drei Wochen dauert es, um mit einem Schlauchboot nach Europa zu kommen.

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Die Familie läuft viel zu Fuß und fährt teilweise mit der Bahn, um über Mazedonien, Serbien, Kroatien, Ungarn und Österreich nach Deutschland zu kommen.

Um nicht zurückgeschickt zu werden („Dublin-Verfahren“), vertraut sich die Familie erst in Deutschland den Behörden an.

„Hier seid ihr sicher“, erinnert sich Naseer Alshabani an die Worte eines Polizisten an der Grenze. Heute wohnt er mit seiner Familie in Salzkotten.

Seit zwei Jahren arbeitet der 36-Jährige in einer Paderborner Werbeagentur. Die Ausbildung hat er abgebrochen „Ich hatte das alles im Studium“. Sprachkurse hat er bis zum Niveau B2 absolviert und sich mit Grafiken seiner Flucht (siehe Foto), die in der Region ausgestellt worden sind, einen Namen gemacht.

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Sein Asyl-Antrag wurde zwar abgelehnt, seine Chancen auf einen Aufenthaltstitel sind wegen der guten Integration aber hoch. Sein aktueller Aufenthaltstitel ist zunächst auf fünf Jahre befristet. „Ich will weiter arbeiten. Hier bin ich in Sicherheit und das ist das wichtigste“, so Naseer Alshabani.

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