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Foto: Pixabay / Franz Purucker
Rasen und dabei das Handy in der Hand. Autofahrer sind selbst bei geringem Tempo mehrere Meter „blind“ unterwegs.
NR-Land

Ablenkung und Rasen sind die Hauptunfallursachen im NR-Land

Samstag, 29. Februar 2020 von Franz Purucker

Kurz aufs Handy geschaut und eine Nachricht gelesen und schon ist es passiert – und das teilweise mit dramatischen Folgen: In Salzkotten-Verne beispielsweise ist ein Autofahrer so stark von seinem Handy abgelenkt, dass er in eine junge Familie kracht. Die Mutter stirbt, die beiden Kinder werden schwer verletzt. Noch nie hat die Polizei in der Region so viele Handyverstöße festgestellt.

Mit 17 Unfalltoten muss die Kreispolizeibehörde Paderborn in 2019 einen traurigen Fünf-Jahres-Rekord vermelden. Im Kreis Soest waren es sechs Tote im Straßenverkehr. „Die schlimmsten Unfälle ereignen sich außerhalb geschlossener Ortschaften.

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Dazu zählen 70 Prozent der tödlichen und 61 Prozent der Unfälle mit schweren Verletzungen“, so Andreas Kornfeld, Leitender Polizeidirektor bei der Kreispolizei Paderborn, zur Vorstellung der Verkehrsunfallstatistik für das Vorjahr, welches als das Jahr „der schlimmen Verkehrsunfälle“ betitelt werden kann.

Die Hauptunfallursachen sind einerseits die hohen Geschwindigkeiten und zum anderen Ablenkung – hier spielen besonders Mobiltelefone eine große Rolle.

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Bei Tempo 50 ist ein Fahrer, der eine Sekunde auf sein Handy schaut, fast 15 Meter im Blindflug unterwegs, bei zwei Sekunden sogar 30 Meter. Grafik: Polizei

Der Fall in Salzkotten-Verne ist leider kein Einzelfall: Die Zahl der Handyverstöße nahm rasant zu. Vor drei Jahren ahndete die Polizei Paderborn drei Verstöße, vor zwei Jahren neun und im vergangenen Jahr 25. „Wir werden das verstärkt kontrollieren“, macht Jürgen Luig, Leiter der Direktion Verkehr bei der Polizei Paderborn eine klare Ansage. Aktuell wird die Handynutzung mit 100 Euro Bußgeld und einem Punkt bestraft. Bei Gefährdung anderer werden 150 Euro, zwei Punkte und ein Fahrverbot auferlegt, bei Sachbeschädigung sogar 200 Euro, zwei Punkte und ein Monat Fahrverbot.

Jürgen Luig, Leiter der Direktion Verkehr bei der Polizei Paderborn. Foto: Franz Purucker

Ein Blick in die Gesamtstatistik: Im Kreis Paderborn wurden 10.286 Unfälle (-1 Prozent) aufgenommen, davon 9.242 mit Sachschaden (-0,3 Prozent) und 1.044 mit Personenschaden (-9 Prozent). Im Kreis Soest waren es 9.485 Unfälle (+9 Prozent) und 951 mit Personenschaden(+5 Prozent). Auffällig: Sowohl im Kreis Paderborn als auch im Kreis Soest sind immer öfter Kinder in Unfälle verwickelt.

Zu hohe Geschwindigkeit sorgt immer wieder für schwere Unfälle: 213 Mal kamen im Vorjahr im Kreis Paderborn Personen zu Schaden, weil der Fahrer mit nicht angepasster Geschwindigkeit unterwegs war. „Je höher die Geschwindigkeit, desto tragischer sind oft auch die Unfälle“, erklärt Andreas Kornfeld von der Polizei Paderborn. An den größten Unfallschwerpunkten soll verstärkt geblitzt werden. Neben der Kontrolle von Mobiltelefonen haben die Beamten eine weitere Gruppe verstärkt im Blick.

Einige Maßnahmen zur Geschwindigkeitsreduzierung wurden im vergangenen Jahr bereits umgesetzt: In Delbrück-Westenholz soll ein neuer Kreisverkehr das Tempo reduzieren, auf der B64 bei Paderborn wird eine neue Ampelanlage gebaut.

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Andreas Kornfeld, Leitender Polizeidirektor bei der Polizei Paderborn.

Besonders oft wurden im vergangenen Jahr Kinder in Unfälle verwickelt: Die Zahl stieg um 11 Prozent auf 141, darunter ein zweijähriges Kind, das in Paderborn von einem Auto erfasst und getötet wurde.

Neben dem auf der Titelseite erwähnten Fahrradunglück in Salzkotten-Verne passierte eines der schlimmsten Unglücke kurz vor Weihnachten auf der L778 bei Büren, dem Autobahnzubringer, der parallel zum Flughafen verläuft. Dort kollidierten drei Autos und ein Transporter miteinander. Besonders tragisch: Eine 39 Jahre alte Frau will nach der ersten Kollision ihren Mann und ihre Kinder in Sicherheit bringen und wird dabei von einem Pkw erfasst und stirbt.

Bereits im Oktober verlieren zwei kleine Kinder ihren Vater, als der 32-Jährige auf der A33 zwischen den Anschlussstellen Paderborn Zentrum und Paderborn Mönkeloh in ein Stauende rast. Die Kinder sind mit im Auto, werden aber nur leicht verletzt.

Ein Unfalltoter betrifft 133 Menschen

„Für unseren Präventionsdienst ist es immer wieder eine schwere Aufgabe, etwa in Schulklassen zu erklären, wie die Kinder mit ihrem Mitschüler umgehen sollen, der gerade Mutter oder Vater verloren hat“, erklärt Jürgen Luig, Leiter der Direktion Verkehr bei der Polizei Paderborn. Die Wunden, die ein Verkehrstoter hinterlässt, sind tief. „133 Menschen sind direkt oder indirekt bei einem Unfalltoten betroffen“, sagt Luig. Dazu zählen neben Verwandten und Bekannten auch die danach oft traumatisierten Rettungskräfte.

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Auch im Kreis Soest nimmt die Zahl der an Unfällen involvierten Kinder zu, allerdings – anders als im Kreis Paderborn – nicht im Fahrzeug der Eltern, sondern als direkte Betroffene. So stieg die Zahl der Schulwegunfälle im Kreis Soest von 14 auf 22, während die Zahl im Kreis Paderborn von 33 auf 22 zurückging. Immer wieder kam es dabei auch zu Unfallfluchten- oft unbeabsichtigt, weil die Kinder davonlaufen und meinen, es wäre alles in Ordnung. In einigen Fällen fällt erst zu Hause auf, dass sich das Kind verletzt hat.

Karte mit den größten Unfallstellen im NR-Land zwischen 2014 und 2019. Grafik: Franz Purucker

Wolfgang Lückenkemper von der Polizei im Kreis Soest rät Autofahrern in solchen Situationen: „Wenden Sie sich an die nächste Polizeistation, die den Unfall aufnimmt, um eine spätere Anzeige wegen Fahrerflucht zu vermeiden.“

Die Polizei Paderborn kündigt an, darauf zu reagieren. „Wir müssen da was machen, um die jüngsten und schwächsten Verkehrsteilnehmer besser zu schützen“, betont Kornfeld. Denkbar ist mehr Präsenz vor Schulen und verstärkte Kontrollen der Sicherungseinrichtung von Kindern in Fahrzeugen. In einigen Fällen waren die Fahrer von den Kindern im Auto abgelenkt, als es zum Unfall kam.

Im Fokus werden in diesem Jahr auch wieder berauschende Mittel stehen: Während die Zahl der Alkoholvergehen im Kreis Paderborn leicht zurückging (von 233 auf 219), wurden mehr Fahrer unter Drogeneinfluss (von 176 auf 215 Fälle) erwischt.

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Konstant hoch sind die Fälle von Unfallfluchten: 1.779 Mal entfernten sich Fahrer im Kreis Paderborn unerlaubt von der Unfallstelle, 41 Prozent der Fälle wurden aufgeklärt. Im Kreis Soest stieg die Zahl der Unfallfluchten um 30 Prozent auf 1.821 Fälle, 40 Prozent wurden aufgeklärt.

Mobile Blitzer, wie hier auf der B1 zwischen Salzkotten und Geseke, sollen Autofahrer vom Rasen abhalten. Foto: F. Purucker

Wer sich unerlaubt von der Unfallstelle entfernt, muss mit Geldstrafen bis zu einem Monatsgehalt, zwei bis drei Punkten in Flensburg und bis zu drei Monaten Fahrverbot rechnen. Wer sich innerhalb von 24 Stunden danach zu einer Selbstanzeige durchringt, kann ohne Strafe oder mit Strafmilderung rechnen, solange die Polizei noch keine Ermittlungen eingeleitet hat.

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