arrow_back
Foto: Shutterstock
Die Pille von heute enthält weniger Wirkstoffe und trägt modische Namen. Trotzdem zweifeln immer mehr Frauen.
Thema der Woche

60 Jahre Anti-Baby-Pille: Ein Arzt und eine Apothekerin berichten ihre Erfahrungen

Samstag, 2. Oktober 2021 von Franz Purucker


„Die Pille ist heute die am häufigsten verordnete Verhütungsmethode in Deutschland“, erklärt Göckeler-Leopold. Auffällig ist, dass die Frauen bei der Ersteinnahme jünger sind als früher. Das Durchschnittsalter liegt bei 11,5 Jahren. „Wir haben junge Mädchenhier, die menstruieren mit neun Jahren.“ Insgesamt setzt die sexuelle Reife immer früher ein.

Die von der Kirche zur Einführung befürchtete „Aufweichung der sittlichen Zucht“ kann Göckeler-Leopold nicht beobachten: Die meisten Frauen präferieren nach seiner Erfahrung eine feste Partnerschaft.

Anzeige

Auch die Vielfalt der Verhütungsmethoden ist gestiegen: „Wer, die regelmäßige Einnahme vergisst, lässt sich vielleicht besser eine Spirale einsetzen oder eine Dreimonatsspritze geben“, nennt der Geseker Frauenarzt nur zwei Möglichkeiten.

Auch die Digitalisierung hat viel möglich gemacht – etwa bei der Temperaturmethode, bei der Frauen täglich ihre Basaltemperatur messen. Diese ist in der ersten Zyklushälfte – vom Beginn der Menstruation bis zum Eisprung – etwas niedriger als in der zweiten Zyklushälfte. Diese Messung kann heute eine Sonde übernehmen, die das Ergebnis direkt an das Smartphone sendet.

Anzeige

Trotz aller Aufklärung kursieren auch weiterhin einige Mythen in Sachen sexuelle Aufklärung: „Ich lerne noch immer junge Männer kennen, die der Meinung sind, ihren Penis schnell genug herausziehen zu können.“ Dies ist gefährlich, denn schon vor der Ejakulation können Spermien abgegeben werden.

Dafür wünscht sich Glöckner-Leopold mehr Sexualaufklärung an den Schulen, wo er und der Berufsverband der Frauenärzte, bei dem er selbst Vorsitzender ist, gerne Hilfe leistet.

Mehr Aufklärung ist auch auf dem Gebiet der „Pille danach“ nötig, ein Notfallmedikament, dass den Eisprung verzögert und damit bei einer Verhütungspanne vor ungewollter Schwangerschaft schützt. Seit März 2015 wird dieses auch ohne Rezept verkauft.

Cordula Cruse-Kampherm, Apotheke Salzkotten

Viel Unwissenheit zur „Pille danach“

„In fast jedem Notdienst wird mindestens einmal nach der Pille danach verlangt“, so Cruse-Kampherm: „Oft ist die Panik groß. Viele denken, es muss jetzt sofort sein – was nicht stimmt. Die Einnahme muss 48 bis 72 Stunden nach der Panne eingenommen werden.“

Anzeige

Bei den Kosten gilt fast das Gleiche wie bei der „normalen“ Pille. Mit einem ärztlichen Rezept sind diese bis zum 18. Lebensjahr kostenfrei, bis zum 20. Lebensjahr ist eine Zuzahlung zu leisen. Die Anti-Baby-Pille wird auf Rezept bis zum 21. Lebensjahr von der Kasse übernommen. Es fällt lediglich eine Zuzahlung an.

Dahinter steckt ein Relikt der DDR: Dort war die Pille ab 1972 für alle Frauen kostenfrei und hieß „Wunsch-Kind-Pille“. Nach der Wiedervereinigung einigten sich die beiden deutschen Staaten zunächst auf eine Übernahme der Kosten bis zum 20. Lebensjahr.

Zur Grundlagenforschung der Anti-Babypille hat auch der Gynäkologe Carl Clauberg mit seiner Forschung an Hormonpräparaten beigetragen, der mit jüdischen Frauen im KZ Auschwitz grausame und äußerst schmerzhafte Experimente durchführte. Einige starben an dessen Folgen. Clauberg forschte vor allem an operationslosen Sterilisationen, welche die Nazis für die in ihren Augen unbrauchbare osteuropäische Bevölkerung nutzen wollten.
Der Durchbruch bei der Anti-Baby-Pille gelang 1951 den Forschern Carl Djerassi, Luis E. Miramontes und George Rosenkranz, die ein Präparat gegen Menstruationsbeschwerden entwickelten, dass 1960 zugelassen wurde und auch Schwangerschaften verhinderte.

Erwin Göckeler Leopold, Gynäkologe aus Geseke

Während die Pille für die Frau seitdem immer weiter entwickelt, stockt die Entwicklung der Pille für den Mann. Erwin Göckeler-Leopold war in der Vergangenheit selbst an einer Forschungsgruppe in Münster beteiligt, die an einem solchen Verhütungsmittel geforscht hat. Ein Durchbruch wurde bis heute nicht erreicht, was besonders mit vielen Nebenwirkungen begründet wird.

Anzeige

„Selbst, wenn es zum Durchbruch kommt, wird die Verhütung im Wesentlichen Sache der Frau bleiben. Sie muss in erster Linie mit den Konsequenzen einer Schwangerschaft leben“, gibt Cruse-Kampherm zu bedenken.

Vorherige Seite
AGB Impressum Datenschutz Kontakt
close
In die Zwischenablage Instagram Whatsapp E-Mail