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Die Pille von heute enthält weniger Wirkstoffe und trägt modische Namen. Trotzdem zweifeln immer mehr Frauen.
Thema der Woche

60 Jahre Anti-Baby-Pille: Ein Arzt und eine Apothekerin berichten ihre Erfahrungen

Samstag, 2. Oktober 2021 von Franz Purucker

Als in den 60er Jahren die Anti-Baby-Pille auf den Markt kommt, ist der Salzkottener Apotheker Franz-Josef Cruse hin und her gerissen. Die moralischen Bedenken besonders von Seiten der Kirche stellen ihn vor die Frage, ob eine Apotheke das neue Medikament wirklich ins Sortiment aufnehmen sollte. Für seine Nachfolgerin Cordula Cruse-Kampherm ist Pille kein Geheimnis mehr. Die Geschichte des Medikamentes beginnt ausgerechnet in Konzentrationslagern der Nazis.

„Anovlar“ hieß die Revolution der 60er Jahre in Deutschland. Das Medikament sollte ungewollte Schwangerschaften verhindern und Sex freier machen. Teilweise ist auch von der Befreiung vom „Gebärzwang“ die Rede.
Für die Apotheker der Zeit eine schwere Zeit, erinnert sich Cordula Cruse-Kampherm an die Erzählungen ihres Vaters und Vorgängers Franz-Josef Cruse, der mit seiner Frau diskutierte, ob es moralisch vertretbar ist, die Pille zu verkaufen.
Kondome in graues Papier eingepackt

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Abgegeben wurde diese zu Beginn nur an Frauen mit mindestens einem Kind und wenn der Ehemann zustimmte. Einige fuhren extra in andere Städte, damit nicht bekannt wurde, dass sie die Pille kauften.
Auch die Kirche mischte mit: Der Papst verbietet 1968 sämtliche künstliche Verhütungsmittel, weil diese den außerehelichen Geschlechtsverkehr befördern würden.

Der Druck der Frauen aber wächst: Wenig später lässt der Geistliche diese zumindest für verheiratete Frauen zu.
Als Cordula Cruse-Kampherm 1998 die Salzkottener Apotheke übernimmt, gehörte die Pille zum festen Sortiment. Sexualität war jedoch noch immer ein Tabu-Thema. „Am Anfang haben wir Kondome in grauen Papier eingepackt, damit niemand sehen konnte. Wir haben uns dann irgendwann entschieden, dies wegzulassen“, erinnert sich die 55-Jährige.

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Kondome werden heute verstärkt in Drogeriemärkten gekauft. Die Pille wiederum – heute mit wohlklingenden Namen wie Juliette, Attempta, Diane oder Jennifer – ist als verschreibungspflichtiges Medikament weiter den Apotheken vorbehalten.

Ausgegeben wird diese nur durch ein Rezept eines Frauenarzt, wie dem Geseker Mediziner Erwin Göckeler-Leopold, der Mitglied eines Vereins ist, welches das LiebesLeben-Museum in Soest betreibt, in dem es auch um die Entwicklung der Pille geht: „Die Pille hat sich verändert. Die ersten Modelle enthielten viel mehr Wirkstoff als die heute.“

Einige Nebenwirkungen wie das erhöhte Thrombose-Risiko sind geblieben. In den Köpfen hält sich auch das Vorurteil, dass Frauen vor einer gewollten Schwangerschaft das Medikament langfristig absetzen müssten. „Das ist heute bei den meisten Präparaten nicht nötig.“

Trotzdem beobachtet der Geseker Gynäkologe seit einigen Jahren einen Trend, dass Frauen die Pille absetzen. Die Vielfalt an Verhütungsmethoden ist heute aber auch viel größer als früher.

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Im Thema der Woche auf der nächsten Seite wagen wir einen Rückblick in die teilweise dunkle Entstehungsgeschichte der Pille und erklären, warum die Pille für den Mann noch immer nicht marktreif ist und ob sich die Befürchtung, bewahrheitet hat, dass die „Pille danach“ zu nachlässiger Verhütung führt.

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